Sich der Angst bewusst stellen: Eine Jugendliche bei der Klettertherapie in der Schön Klinik Roseneck. © Schön Klinik Roseneck
Prien am Chiemsee – Patientin Anna G. (26) hatte bereits Erfahrung im Klettern, als sie in der Klinik am Chiemsee beim therapeutischen Klettern teilnahm. „Aber das zuvor war sportliches Klettern, dabei geht es um Leistung. Das therapeutische Klettern habe ich völlig anders erlebt“, sagt die Patientin, die wegen einer Zwangsstörung und eines Traumas behandelt wird. Denn in der Kletterhalle der Schön Klinik Roseneck stand dann nicht die Leistung im Mittelpunkt, sondern die Überwindung der eigenen Ängste. Dazu gehört nicht nur die Angst, fallen gelassen zu werden. Für Patienten, die an einer Zwangsstörung leiden, bedeutet es eine immense Überwindung, im Alltag Gegenstände zu berühren, weil sie sich mit Bakterien oder auch Viren kontaminieren könnten. So hatte die Patientin eine große Angst davor, die Klettergriffe und das Seil anzufassen, da beides zuvor schon viele andere Menschen benutzten. „Überwinden sie diese eine Angst, gelingt es dann auch, dass die Betroffenen andere Themen angehen, die sie im Alltag als belastend erleben – wer Klettergriffe anfassen kann, kann sich auch im Alltag eher dazu überwinden, Türklinken zu berühren, die schon andere Menschen zuvor gedrückt haben“, sagt Therapeutin Lisa Zöbl.
Wer eine Kletterwand hinaufkommen will, muss auch die Angst vor der Höhe in den Griff bekommen, was Menschen mit einem Trauma oder einer Angststörung mitunter schwerfällt. Für Patienten mit einer Depression ist oftmals die größte Herausforderung, sich zu überwinden und zur Therapie zu kommen, um dort dann über sich hinauszuwachsen.
Im Mittelpunkt steht es, selbstbewusst mit Ängsten umzugehen. Die Teilnehmer lernen, sie nicht zu vermeiden, sondern sich ihnen aktiv zu stellen. Anstatt sich von belastenden Gedanken über mögliche Konsequenzen leiten zu lassen, konzentrieren sie sich ganz auf den Moment und den nächsten Schritt. „Die Patienten nehmen ihren Körper bewusst wahr und auch ihre Psyche, können sich also fragen, wie sie es schaffen, ihre Ängste zu besiegen und ein Stück der Kontrolle abzugeben an die Seilpartner“, sagt Sport- und Bewegungstherapeutin Lisa Zöbl. Eine Klettertherapie umfasst vier Termine, bei denen ein Therapeut je sechs Patienten anleitet und betreut. „Es ist großartig, zu beobachten, wie die Patienten sich ihren Themen stellen und über sich hinauswachsen“, erzählt die Therapeutin. Viele entdeckten dabei zudem den Spaß am Klettern und damit ein neues Hobby. Da die Klettertherapie so gut ankommt, sind die Wartelisten entsprechend lang, es gibt vier Erwachsenengruppen und vier Jugendgruppen. Das therapeutische Klettern wird in der Schön Klinik Roseneck insbesondere für Patienten mit Angst- und Zwangsstörungen sowie traumatischen Belastungen angeboten.