Neue Waffen gegen Krebs

von Redaktion

Im Maschinenraum der Krebszelle: Neue Medikamente wirken direkt in den Tumoren. © Benedikt Westphalen

Bei der Brachytherapie kommt die Strahlenquelle in den Körper und bestrahlt dort den Tumor direkt. © Smarterpix

Nicht alle Gehirntumoren kann man operieren. Und oft bietet die moderne Krebsmedizin verschiedene Optionen. In Tumorkonferenzen beraten die Experten der verschiedenen Fachrichtungen, welche Therapie für den Patienten die beste und wirkungsvollste ist. © Smarterpix

München – Die moderne Krebsmedizin macht immense Fortschritte. So wirken die neuen Therapien immer gezielter, indem sie die Krebszellen schädigen und die gesunden Körperzellen so gut wie möglich schonen. Wir stellen drei neue Ansätze vor:

■ Gehirntumoren im Wachstum blockieren

Gehirntumoren sollten, wenn möglich, operativ entfernt werden, sagt Privatdozent Dr. Darius Kalasauskas. Der Neurochirurg am LMU-Klinikum ist Experte dafür, diese Gliomen dann zu Leibe zu rücken, auch wenn man sie nicht oder nicht vollständig operativ entfernen kann. Und zwar durch neuartige Medikamente, sogenannte IDH-Inhibitoren. Zum Hintergrund: In der erweiterten molekularen Diagnostik wird die genetische Struktur des Tumors analysiert. Rund 30 Prozent der Gliomen haben sogenannte IDH-Mutationen. Diese haben einen Einfluss auf das Wachstumsverhalten von Hirntumoren.

Tumoren mit IDH-Mutation wachsen weniger aggressiv als Tumoren ohne diese Mutation. Mit der gezielten Therapie durch die IDH-Inhibitoren gibt es eine weitere Waffe neben Operation, Chemotherapie und Bestrahlung gegen Gehirntumoren. Die Medikamente funktionieren folgendermaßen: „Der Inhibitor treibt in einem wichtigen Signalweg des Tumors ein, und das hat die Folge, dass der Tumor langsamer wächst“, sagt Kalasauskas. Die ganz neue Therapie ist seit kurzem auch in Deutschland verfügbar.

■ Zielgerichtet gegen Krebs in der Bauchspeicheldrüse

„Mit den KRAS-Inhibitoren kommen wir direkt in den Maschinenraum der Krebszelle und stellen ihr den Motor ab“, erklärt Präzisionsonkologe Dr. Benedikt Westphalen vom LMU-Klinikum. Dass man diese Technologie entwickeln und das Wachstum der Krebszellen durch ein Medikament aufhalten können wird, galt vor zwei Jahrzehnten als unmöglich. Denn man glaubte nicht, dass man das G-Protein RAS, das eine Rolle bei der Krebsentstehung spielt und ein Wachstumsmotor der Krebszellen ist, angreifen können würde.

Dann gelang es, den Aufbau der Krebszellen besser zu verstehen, gleichzeitig machte man große Fortschritte bei der Medikamentenentwicklung. „Auch fand man einen Weg, Medikamente so zu verabreichen, dass sie direkt im Inneren der Krebszelle wirken“, erklärt der Experte. Besitzen Krebszellen den RAS-Wachstumstreiber, kann man diesen Wachstumsmotor hemmen.

Dies ist vor allem bei Bauchspeicheldrüsenkrebs der Fall, hier haben mehr als 90 Prozent der Patienten diese genetische Veränderung. „Mit den KRAS-Inhibitoren haben wir einen neuen Pfeil im Köcher gegen Krebs“, sagt Dr. Westphalen. Das Medikament gibt Hoffnung, vor allem öffnen sie Wege für neue Kombinationstherapien. Die Hoffnung ist, dass es in Zukunft gelingt, Bauchspeicheldrüsenkrebs zumindest für einen Teil der Patienten in eine längerfristig behandelbare, chronische Erkrankung zu verwandeln..

Im Unterschied zur Chemo, die ja sämtliche sich schnell teilende Zellen im Körper bekämpft und damit auch gesunde Körperzellen trifft, wirken zielgerichtete Therapien vor allem direkt an beziehungsweise in den bösartigen Tumorzellen. Die KRAS-Inhibitoren werden in Deutschland aktuell in klinischen Studien untersucht, unter anderem an den zwei Münchner Unikliniken. Voraussetzung ist eine erweiterte molekulare Diagnostik des Tumorgewebes, um so zu sehen, welche individuellen Schwachstellen der jeweilige Krebs hat.

■ Brachytherapie: Tumoren von innen bestrahlen

Tumorzellen durch Bestrahlung direkt zu schädigen, gelingt der modernen Medizin mit den neuen Hightech-Bestrahlungsapparaten immer besser. Und es gibt eine weitere strahlende Waffe: Die sogenannte Brachytherapie. Bei dieser wird die Strahlenquelle direkt in den Tumor hineingebracht, sagt Prof. Max Seidensticker, Vize-Chef der Radiologie am LMU-Klinikum. Der Experte für radiologische Bildführung in der minimal-invasiven Onkologie am LMU-Klinikum erklärt das Vorgehen: „Nach einer lokalen Betäubung wird die 0,5 Millimeter große radioaktive Strahlenquelle mittels von Sonden, Schläuchen oder Nadeln in den Körper gebracht – in den Tumor selbst oder direkt an ihn dran.“ Diese Methode ermöglicht eine hohe Strahlendosis genau am Tumor bei gleichzeitiger Schonung des umliegenden gesunden Gewebes, sagt der Experte. Bei Darm- und Leberkrebs hat sich diese Methode sehr bewährt, sagt Prof. Seidensticker. Auch bei anderen Krebsarten wie Prostata- oder Gebärmutterhalskrebs wird die Strahlentherapie im Körperinneren immer häufiger eingesetzt. „Ob sich die Methode für den jeweiligen Patienten eignet, entscheiden an großen Krebszentren wie dem in München die Experten der verschiedenen Fachrichtungen an einem sogenannten Tumorboard gemeinsam, an dem sie die einzelnen Patienten besprechen, um die bestmögliche Behandlung auszuloten“, erklärt Seidensticker. Da die Brachytherapie wirkungsvoll und vergleichsweise günstig ist, gibt es hier derzeit viele Weiterentwicklungen.

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