Motorradtour mit Folgen: Thomas Lehmann als Sozius auf der Maschine seines Ehemanns Andreas. © Foto: privat
Freuen sich über die erfolgreiche Behandlung: Thomas Lehmann (Mitte) mit seinen Ärzten Marco Marchich (links) und Prof. Hans-Georg Palm. © Fotos (2): Viola Wolfsteiner
Instabile Beckenringfraktur: Prof. Hans-Georg Palm (re.) und sein Oberarzt Marco Marchich (links) erklären ihrem Patienten Thomas Lehmann das Diagnosebild.
Ingoldstadt/München – Mit 63 Jahren landete Thomas Lehmann zum ersten Mal in seinem Leben in der Notaufnahme – und dann gleich mit dem Rettungshubschrauber. Kurz zuvor war der Altenpfleger aus München mit dem Motorrad verunglückt. Der Unfall passierte auf einer Landstraße bei Nördlingen. Er saß auf dem Rücksitz, als sein Mann Andreas einen Augenblick zu lange auf sein Navi schaute und deshalb die Kontrolle über die Maschine verlor. Sie flog aus einer Kurve, rutschte in den Straßengraben und begrub Lehmanns Bein unter sich. „Helfer haben mich herausgezogen. Erst dachte ich, es wäre nicht so schlimm“, erinnert sich Lehmann – ein Trugschluss. „Ich konnte nicht alleine aufstehen.“ Im Klinikum Ingolstadt diagnostizierten die Unfallchirurgen neben einer Rippenserienfraktur eine instabile Beckenringfraktur. Sie rieten dem Patienten zu einer OP.
„Die Entscheidung, in welchen Fällen und wie ein Beckenbruch operiert werden muss, bedarf Erfahrung“, erklärt der renommierte Beckenchirurg Professor Hans-Georg Palm, der das Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie leitet. „Ein Kriterium ist: Wenn Anteile des hinteren Beckenrings verletzt sind, wird in der Regel operiert, weil über diesen Bereich viel Kraft übertragen wird. Die Patienten haben oft starke Schmerzen, die chronisch werden können.“ Auch Thomas Lehmann ging es nach seiner Verletzung schlecht – zumal ja auch noch seine Rippen angeknackst waren: „Ich wusste gar nicht, auf welcher Seite ich im Bett liegen sollte, konnte kaum schlafen.“ Er erhielt daher auch starke Schmerzmittel und wurde operiert. „Bei Herrn Lehmann mussten wir sowohl den hinteren als auch den vorderen Bereich des Beckenrings mit jeweils einer langen Schraube stabilisieren“, berichtet Unfallchirurg Palm.
Heute können Spezialisten auch hochbetagte Patienten sehr sicher und schonend operieren, ihre Erholungszeit erheblich verkürzen. „Inzwischen wenden wir bei der deutlich überwiegenden Zahl unserer Patienten minimalinvasive Techniken an“, berichtet Chefarzt Palm. Bei diesen Eingriffen helfen medizintechnische Innovationen. So nutzen die Ingolstädter Unfallchirurgen unter anderem einen 3D-Bildwandler, der den Ärzten angesichts der komplizierten Anatomie des Beckens die Orientierung erleichtert. Außerdem kommt bei komplexen Brüchen wie in Lehmanns Fall ein Navigationssystem zum Einsatz. „Es ermöglicht uns, die Schrauben mit kleinen Schnitten sehr präzise einzubringen. Dadurch können wir das Weichteilgewebe besser schonen und den Blutverlust gering halten“, erklärt Palm. Das Verfahren erhöht auch die Sicherheit. Noch im OP kann der Chirurg überprüfen, ob sich die eingesetzten Schrauben exakt in der gewünschten Position befinden. „Dadurch werden Korrektureingriffe vermieden“, so Palm.
Lehmanns OP dauerte etwa eineinhalb Stunden. Bereits am Tag danach konnte er wieder erste Schritte setzen. Es dauerte dann einige Wochen, bis sich der 63-Jährige vollständig erholte, in einer Rehaklinik Höhenried am Starnberger See trainierte er für die Rückkehr in seinen Alltag als Altenpfleger im Awo-Seniorenzentrum Miesbach. „Inzwischen geht es mir wieder viel besser, die Schmerzen im Beckenbereich haben deutlich nachgelassen.“ Etwas Geduld sei nach Beckenbrüchen schon gefragt, räumt Unfallchirurg Palm ein. „Auch die Psyche spielt eine Rolle. Aus Erfahrung wissen wir, dass es oft ein Jahr lang dauern kann, bis die Patienten mal nicht mehr an ihren Unfall denken.“
Sturzopfer Lehmann will sich nicht mehr auf ein Motorrad setzen – anders als sein Mann Andreas, der bei dem Unfall einige lädierte Lendenwirbel davontrug. Er ließ die Maschine reparieren und fährt inzwischen wieder damit. „Bei aller Liebe: Das kommt für mich nicht infrage“, sagt Lehmann schmunzelnd, „auch wenn ich ihm wohl künftig öfter mit dem Zug hinterherfahren muss.“