Silvesterkracher ging ins Auge

von Redaktion

Auch ein Jahr später ist das Auge noch stark gerötet.

Massive Schäden: Links der Querschnitt einer gesunden Makula, rechts die schwer geschädigte von Michael.

Augenklinik-Chef Prof. Siegfried Priglinger zeigt am Computer eine Vergrößerung der beschädigten Netzhaut.

Rechts fast blind ist Michael (21), weil er an Silvester 2024 am Auge getroffen wurde. Dr. Miranda Gehrke untersucht ihn am LMU-Augenklinikum. © Astrid Schmidhuber (3)

München – Beim Jahreswechsel 2024/25 erlitten 905 Menschen jeden Alters Verletzungen an den Augen durch private Pyrotechnik. Das ist ein Höchststand, stellt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) klar. Da die Zahl der Verletzungen seit zehn Jahren steigt, stimmte nun eine Mehrheit der DOG-Mitglieder für ein Verbot privaten Feuerwerks. Die Opfer sind vor allem unbeteiligte Personen und ein hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen. Besonders tragisch: Ein Patient starb infolge einer Kopfverletzung.

Michael ist eines dieser unbeteiligten Opfer. Der 21-jährige Student aus München ging mit Freunden zur Theresienwiese, um das Feuerwerk anzusehen. Die Freunde standen am östlichen Rand mit Blick auf die Bavaria – selbst Raketen feuern wollten sie nicht: Um 23:59 Uhr spürte Michael plötzlich einen stechenden Schmerz am rechten Auge. „Ich ging in die Knie, hielt mir die Hand vor die Augen und sah dann, dass sie voller Blut ist“, erinnert er sich an den schockierenden Moment. Was ihm gegen das Auge geflogen ist, hat Michael nicht gesehen.

Auch seine Freunde sahen das Blut und brachten ihn schnell zu einem Krankenwagen, der nur 20 Meter entfernt stand. Von dort ging es in die LMU-Augenklinik in der Innenstadt. Wie heftig der Aufprall auf das Auge war, zeigte eine Messung des Augeninnendrucks 20 Minuten nach dem Unglück: Dieser lag bei 50 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule), normal sind Werte von 10 bis 21.

Noch in der Nacht nähte Augenarzt Dr. Lukas Neuhann das Lid, später operierte der leitende Oberarzt der Augenklinik PD Dr. Benedikt Schworm das Auge. Denn durch den Aufprall war das Auge stark geprellt. Die Linse war abgerissen beziehungsweise luxiert, wie Mediziner sagen, die Iris an der Basis ausgerissen. Die Pupille ist seitdem weit, da der Muskel, der sie eng stellt, eingerissen ist. Zudem gab es unter anderem Einblutungen an der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut hinten im Auge. In einer OP wurde die Netzhaut wieder fixiert, die verschobene Linse und die Einblutungen entfernt, erklärt Prof. Siegfried Priglinger, Chef der Augenklinik des LMU Klinikums. Immerhin konnten die Ärzte 3 bis 5 Prozent der Sehfähigkeit auf dem rechten Auge retten.

Wäre der Kopf von Michael nur einen Zentimeter weiter links gewesen, wäre das unbekannte Teil gegen die Knochen seiner Augenhöhle geprallt und hätte das Auge nicht so schwer geschädigt. Was es war, das weiß er nicht. Sicher ist nur, dass es nicht heiß war, sonst hätte es auch Verbrennungen gegeben. Freunde von Michael haben mit Handys gefilmt – daher weiß er den genauen Zeitpunkt des Unglücks. Als Michaels Freunde am nächsten Tag zur Unfallstelle zurückkehrten, war schon saubergemacht. Noch in der Silvesternacht wurde der Unfall der Polizei gemeldet, es gab aber wohl keine Beweissicherung, Zeugen wurden auch nicht vernommen.

„Nicht einmal eine Skibrille hätte wirklich geholfen, nur eine professionelle Schutzbrille“, sagt Priglinger. Michaels rechtes Auge wird für immer fast blind bleiben. Der Augenklinik-Chef plädiert dafür, privates Feuerwerk an belebten Plätzen zu verbieten. Feuerwerk gehöre in professionelle Hände. „Schon gar nicht sollte es jeder Ungeübte in alkoholisiertem Zustand zünden dürfen und Unbeteiligte gefährden.“ Michael wird heuer an Silvester jedenfalls drinnen bleiben, vielleicht sogar die Fensterläden schließen. Zu tief sitzt der Schock.

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