Diagnostik am Schultergelenk: Ein Arzt analysiert MRT-Bilder © Foto: Smarterpix
Der Münchner Schulterspezialist Professor Ben Ockert.
Hartnäckige Schulterschmerzen können monatelang anhalten. © Foto: BSIP
München – Ein ziehender Schmerz beim Anziehen der Jacke, Schmerzen beim Liegen auf der Schulter oder beim Versuch, etwas aus dem oberen Schrankregal zu holen: Die Schulter macht im Alltag vielen zu schaffen. Oft lassen sich solche Beschwerden ohne große Behandlung auskurieren. Es gibt aber auch Alarmsignale, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Im zweiten Teil unserer Gelenkserie erklärt der Münchner Schulterspezialist Professor Ben Ockert, wie Sie die Beschwerden mit einfachen Tests einschätzen können und was dagegen hilft.
Die gute Nachricht gleich vorweg: In vielen Fällen sind Schulterbeschwerden lästig, aber harmlos. Es gibt jedoch auch Situationen, in denen man rasch zum Arzt oder in eine Klinik gehen sollte. „Etwa dann, wenn man nach einem Sturz oder Unfall den Arm kaum noch bewegen kann“, erklärt Prof. Ben Ockert. „Auch nach einer Luxation sollte man die Schulter anschauen lassen – selbst dann, wenn das ausgekugelte Gelenk wieder eingerenkt ist.“ Ernst nehmen sollte man zudem plötzlichen Kraftverlust oder Taubheitsgefühle in Arm und Hand. Weitere Warnzeichen: starke Schmerzen auch in Ruhe, verbunden mit Fieber, starker Rötung und Überwärmung des Gelenks. Generell sind auch Schmerzen, die über Tage eher zunehmen als abklingen, ein Grund für einen Arztbesuch (siehe Kasten unten). Hier beschreibt Ockert fünf häufige Erkrankungen:
Entzündungen an Schleimbeutel oder Bizepssehne
Typisch im Alltag: Dumpfe bis brennende Schmerzen vorne oder seitlich an der Schulter, beim Armheben (zum Beispiel Geschirr in ein Regal einräumen).
Beschwerdemuster: Schmerzen nach Überlastung, zum Beispiel am Tag nach intensivem Sport – besonders beim Heben und bei Arbeiten über Kopf. In der Regel lässt sich der Arm noch einigermaßen bewegen, bestimmte Winkel sind aber problematisch. Meist wird es besser, wenn man sich schont, bei chronischer Überlastung können die Beschwerden allerdings auch schleichend zunehmen.
Der schnelle Selbstcheck: Tut es besonders weh, wenn Sie den Arm seitlich zwischen etwa Schulterhöhe und etwas darüber bewegen, könnte das auf eine Entzündung des Schleimbeutels hinweisen. Wenn der Schmerz eher vorne in der Schulter sitzt, liegt ein Problem mit der Bizepssehne näher..
Das hilft: Belastung verringern, dehnen, Physiotherapie. Eine Injektion mit entzündungshemmenden Medikamenten kann mitunter sinnvoll sein, idealerweise kombiniert mit einem Aufbauprogramm. Eine OP ist selten nötig.
Arthrose
Typisch im Alltag: Schmerzen beim Tragen, Heben, Arbeiten über Schulterhöhe – auch nachts, oft kombiniert mit Steifigkeit. Es rumpelt, es hakt, der Bewegungsradius nimmt ab.
Beschwerdemuster: Schmerzen während und nach Belastung, später auch in Ruhe. Die Schulter verliert an Beweglichkeit, man hört Reibegeräusche. Bei Defektarthropathie – einer speziellen Arthroseform, die durch Risse in der Rotatorenmanschette entsteht – nimmt die Kraft immer mehr ab, Heben wird zur Herkulesaufgabe.
Der schnelle Selbstcheck: Eine zunehmende Einschränkung über Monate und Jahre, kombiniert mit Belastungsschmerz und knarzenden Geräuschen, deuten auf zunehmenden Gelenkverschleiß hin.
Das hilft: Bewegungsübungen, Anpassungen im Alltag und Spritzen mit entzündungshemmenden Medikamenten. Im Endstadium kann ein künstliches Gelenk viel Lebensqualität zurückbringen.
Sehnenriss der Rotatorenmanschette
Typisch im Alltag: Stärkere Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, man kann beispielsweise den Arm nicht mehr richtig anheben, bekommt eine Getränkekiste kaum noch hoch. Häufig ist der Betroffene zuvor gestürzt. Das Problem kann sich aber auch schleichend entwickeln.
Beschwerdemuster: Die Kraft schwindet zunehmend, Bewegungsradien sind eingeschränkt. Schmerzen auch nachts.
Der schnelle Selbstcheck: Machen Sie einen Kraftvergleich zwischen dem linken und rechten Arm. Können Sie beide gleich gut seitlich anheben und oben halten? Schwäche ist verdächtig! Wenn der Arm wegkippt oder Sie ihn nur mit Schwung hochbekommen, ist das ein Warnsignal.
Das hilft: Kleinere Risse können mitunter mit Training und Physiotherapie behandelt werden. Bei frischen Rissen, etwa nach einem Unfall, oder bei großen Schäden an der Sehne, ist eine frühe OP sinnvoll. Je länger man wartet, desto aufwendiger werden der Eingriff und die Reha danach.
Frozen Shoulder
Typisch im Alltag: Viele Patienten berichten von einem stechenden Schmerz, als ob ein Messer in ihrer Schulter stecke. Jacke anziehen, BH schließen, Haare binden, alles wird mühsam.
Beschwerdemuster: Sehr große, zunehmende Schmerzen auch nachts, später starke Bewegungseinschränkungen. So bringt man den Arm kaum noch über den Kopf oder zum Rücken.
Der schnelle Selbstcheck: Machen Sie den Hand-auf-den-Rücken-Test. Kommen Sie mit der Hand auf derselben Seite an die Lendenwirbelsäule oder höher? Wenn dies deutlich schlechter funktioniert als auf der anderen Seite, spricht einiges für eine Frozen Shoulder.
Das hilft: Gutes Schmerzmanagement mit entzündungshemmenden Medikamenten wie Kortison und gezielten, dosierten Übungen. Physiotherapie kann schmerzhaft sein, dann lieber weniger trainieren. Die Patienten brauchen viel Geduld. Der Verlauf kann sich über zwei Jahre hinziehen, die Schulter wird meist ohne Operation wieder sehr gut beweglich und schmerzfrei.
Instabile Schulter
Typisch im Alltag: Unsicherheit bei Überkopfbewegungen, Angst bei bestimmten Armpositionen. Nach einer Auskugelung (Luxation) fühlt sich die Schulter nicht mehr stabil an. Beim Schultereckgelenk (AC-Gelenk) Schmerzen am Schulterblatt – passiert fast immer bei einem Unfall.
Beschwerdemuster: Die Schulter fühlt sich wackelig an, manchmal hört man ein Schnappen oder Klicken. Der Arm tut bei bestimmten Bewegungen weh, etwa wenn er abgespreizt oder nach außen gedreht wird. Nach einer Auskugelung (Luxation) der Schulter besteht ein hohes Risiko, dass dieses Malheur erneut passiert.
Der schnelle Selbstcheck: Haben Sie öfter das Gefühl, dass Ihre Schulter erneut auszukugeln droht? Machen Sie häufig Schutzbewegungen, um eine Luxation zu verhindern? Dann sollten Sie unbedingt mal einen Arzt draufschauen lassen – und grundsätzlich auch dann, wenn Ihre Schulter bereits einmal auskugelt war.
Das hilft: Gezieler Muskelaufbau hilft bei der Stabilisierung der Schulter. Bei hochgradiger Instabilität oder größeren Schäden an den Sehnen ist eine OP empfehlenswert – gerade bei sportlichen Patienten.
Hinweis der Redaktion: Der Selbstcheck ersetzt keine ärztliche Diagnostik!
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