Auf den Nachwuchs passen die Weibchen gut auf. © dpa
Ausgezeichnet: Barbara Fruth © Max-P.-Gesellschaft
Die gegenseitige Fellpflege ist ein wichtiges Ritual bei den Primaten. © LKBP/Ziegler
Bonobos gelten als besonders friedlich, doch hier gehen fünf Weibchen auf Hugo los. Der Grund: Er hat ein Jungtier attackiert. © Lui-Kotale/Screenshot
Konstanz – Die Begeisterung vieler Menschen für unsere nächsten Verwandten, die Bonobos, rührt auch daher, dass wir in unseren krisengeschüttelten Zeiten so etwas wie ein besseres Selbst in ihnen sehen: Während wir Kriege in der Ukraine oder in Gaza führen, lösen Bonobos Konflikte vor allem mit Sex. Sie scheinen das Konzept der Hippie-Generation „Make Love, not War“ zu leben.
Doch wo die Verhaltensforschung schon bei den Schimpansen so manche naive Projektion auf „bessere“ Varianten von uns Menschen zerstörte, haben nun auch Beobachtungen des Max-Planck-Forschungscamps Lui-Kotale in der Demokratischen Republik Kongo für eine Relativierung des Klischees vom friedliebenden Bonobo gesorgt: Zwar stimmt es, dass Bonobos anders als ihre nahen Verwandten, die Schimpansen, keine regelrechten Kriegszüge gegen benachbarte Gruppen führen.
Und es bleibt auch richtig, dass Bonobos, anders als Schimpansen, Konflikte innerhalb der Gruppe eher mit Sex und gegenseitigem Lausen als mit Gewalt und Aggression lösen. Zurückgeführt wird das auch auf die matriarchalische Struktur der Bonobo-Gesellschaften: Bei diesen Menschenaffen haben anders als bei den patriarchalen Schimpansen die Weibchen das Sagen. Und die lösen Konflikte eben eher mit sozialer Kompetenz als mit Schimpansen-Machogehabe.
Soweit das bisherige Bild, das durch die nun schon seit über 20 Jahren durchgeführte Langzeitbeobachtung der Bonobos in Lui-Kotale bestätigt wurde. Doch die Doktorandin Sonya Pashchevskaya beobachtete in Lui-Kotale jetzt einen äußerst ungewöhnlichen Gewaltausbruch, der das friedliebende Klischee zumindest etwas in Frage stellt: Fünf Weibchen prügeln gemeinsam auf das Männchen Hugo ein. Selbst als Hugo am Boden liegt, wird er noch getreten und gebissen. Die auch in einem Videofilm festgehaltene grausame Attacke der Weibchengruppe endete für das Bonobo-Männchen höchstwahrscheinlich tödlich.
Eine mögliche Erklärung für den für Bonobos so ungewöhnlichen Gewaltausbruch: Es war die Bestrafung für einen besonderen Tabubruch, das Männchen wollte möglicherweise ein Jungtier töten. Solche Kindstötungen kommen bei vielen Säugetieren vor, auch bei Schimpansen. Derartiges Verhalten kann von der Evolution belohnt werden, indem der Mann so einen höheren Fortpflanzungserfolg hat.
Die These der Forscher ist, dass die Bonobos durch die gemeinsame Attacke auf Hugo solche Kindsmorde im Keim ersticken wollten. Prof. Barbara Fruth, die Leiterin des Lui-Kotale-Forschungsprojekts, betont, dass eine derart brutale Bestrafung eines Gruppenmitglieds in den drei Jahrzehnten der Beobachtung erst zweimal vorkam, was zeige, dass sie eine absolute Ausnahme im ansonsten so gechillten Bonobo-Alltag darstellt.
„Der ungewöhnliche Vorfall ist ein Beispiel für die enorme Plastizität, also für die Vielfalt und Anpassungsfähigkeit möglicher Verhaltensweisen bei den Primaten“, so Prof. Fruth. „Es ist ein Grund mehr, dafür zu kämpfen, diese bedrohte Art zu retten – und so diese Plastizität zu bewahren, die ja auch in uns Menschen steckt.“KLAUS RIMPEL
Hilfe für wilde Bonobos
Spenden können Sie unter: Bonobo Alive e.V., GLS Bank, Konto Nr.: 1127446100, BLZ: 430 609 67, IBAN: DE5843060967
1127446100, BIC: GENODEM1GLS.