Nach dem Zahnverlust helfen Implantate: Dr. Christian Maischberger bei einer Zahn-Operation. © Foto: Implaneo
Gefahr durch Zahnkeime: Parodontitis kann Lungenkrebs verursachen. © Foto: Smarterpix
München – Fast jeder zweite Bundesbürger erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs – genauer gesagt 49 Prozent aller Männer und 43 Prozent der Frauen, wie Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) belegen. Jedes Jahr erhalten allein in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen diese Schockdiagnose. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern wären mindestens ein Drittel der Tumorkrankungen durch einen gesunden Lebensstil und Prävention vermeidbar. Deshalb warnen sie unter anderem vor Zigaretten und Alkohol und werben für wichtige Vorsorgeuntersuchungen wie Darmspiegelungen oder Hautkrebsscreenings. Diese Chancen nutzen immer mehr Patienten. Doch was viele noch nicht wissen: „Auch regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt können einen Beitrag dazu leisten, Krebs zu vermeiden“, raten Professor Hannes Wachtel und Dr. Christian Maischberger.
Die beiden Parodontologen der Implaneo Dental Clinic in München verweisen auf neue Forschungsergebnisse, die am 4. Januar in der Fachzeitschrift „Oral Diseases“ veröffentlicht worden sind. Für eine Langzeitstudie haben amerikanische Kollegen mehr als 1000 ältere Erwachsene zum Teil 16 Jahre lang begleitet. Sie fanden heraus, dass Patienten mit schwerer Parodontitis ein etwa dreimal so hohes Lungenkrebsrisiko hatten. Auch die Gefahr, an dieser Tumorart zu sterben, war deutlich größer. An Lungenkrebs erkranken in Deutschland jährlich mehr als 50 000 Menschen. Als mit Abstand häufigster Auslöser gilt Rauchen. Allerdings legt die neue US-Zahnstudie nahe, dass Parodontitis bei älteren Menschen ein unabhängiger Risikofaktor für ein Bronchialkarzinom sein könnte.
Die US-Forscher gehen davon aus, dass schwere Parodontitis eine systemische Entzündungsreaktion im Körper auslöst. Diese könnten – so ihr Verdacht – unter anderem begünstigen, dass sich ein Tumor bildet bzw. das Wachstum von Krebszellen befeuern. Eine weitere These: Die chronische Entzündung könnte das Immunsystem negativ beeinflussen und damit die Tumorabwehr schwächen.
14 Millionen Patienten mit schwerer Form
Die neuen Erkenntnisse stoßen auch deshalb auf große Beachtung, weil Parodontitis stark verbreitet ist. So brachte die sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie im vergangenen Jahr alarmierende Zahlen ans Licht. Danach leiden in Deutschland etwa 14 Millionen Menschen an einer schweren Form der Parodontitis – etwa 52,7 Prozent der jüngeren Senioren und 17,5 Prozent der jüngeren Erwachsenen, wie die Bayerische Landeszahnärztekammer berichtete.
Nach wie vor wird Parodontitis stark unterschätzt. Der Fachbegriff wird nicht selten als vermeintlich harmloses Zahnfleischbluten fehlgedeutet – nach dem Motto: „Das hat doch fast jeder mal, dann kann es ja auch nicht so schlimm sein.“ Doch tatsächlich handelt es sich um eine komplexe Erkrankung des Zahnhalteapparats. So nennen Experten alle Bestandteile, die an der Verankerung des Zahns im Knochen beteiligt sind – neben dem Knochen selbst vor allem das Zahnfleisch, bestimmte Haltefasern und natürlicher Wurzelzement. „Bei Parodontitis nisten sich Bakterien in Taschen rund um die Zahnhälse ein. Sie zerstören zunächst die Zahnfleischhaut, dringen dann ins Zahnfleisch ein und verursachen dort chronische Entzündungen“, erläutert Maischberger. „Wenn man die Entzündungsprozesse nicht eindämmt, greifen sie auf Dauer den Kieferknochen an. Knochensubstanz geht verloren – so lange, bis die Zähne locker werden und letztlich ausfallen.“ Damit verliert der Patient auch einen Schutzschild gegen Bakterien.
Die große Gefahr dabei: Gefährliche Bakterienstämme können über die Blutbahnen in alle Organe gelangen. „Wir haben etwa 700 verschiedene Erregerarten im Mund“, weiß Parodontologe Wachtel, der seit Jahrzehnten die Zusammenhänge von Parodontitis und Gefäßerkrankungen erforscht. „Die allermeisten Keime sind harmlos, aber etwa zehn aggressive Erregertypen können schwere Schäden anrichten. Sie gehören zur Gruppe der sogenannten gramnegativen anaeroben Bakterien. In ihren Wänden sitzen sehr viele Giftstoffe. Im schlimmsten Fall können ernste Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen, darunter Herzinfarkt, Herzklappenentzündungen oder Schlaganfall. Deshalb ist Selbstdisziplin bei der Vorsorge so wichtig“, betont Wachtel.