Das neue Buch „Migräne-DOC“ ist im Becker Joest Volk Verlag erschienen (26 Euro).
Eine Migräne-Attacke dauert mindestens vier Stunden, manchmal kann sie sich auch drei Tage lang hinziehen. © Smarterpix
München – Das Licht flimmert, der Kopf pocht dumpf und Geräusche schmerzen. Für viele Menschen beginnt Migräne nicht mit Schmerzen, sondern mit dem Gefühl, dass etwas kippt. Plötzlich ist man wie im Nebel, Reize drängen ungefiltert ins Gehirn. Und doch heißt es oft noch: „Ist halt ein bisschen Kopfweh.“ Prof. Dagny Holle-Lee merkt an: „Gerade diese weniger dramatischen Verläufe führen dazu, dass Migräne häufig unterschätzt oder gar nicht diagnostiziert wird. Dabei ist die Erkrankung alles andere als selten.“ Die Neurologin leitet das Westdeutsche Kopfschmerzzentrum der Universitätsmedizin Essen und gilt als eine der führenden Migräne-Expertinnen. In ihrem Buch „Migräne DOC“ räumt sie mit Mythen auf und gibt praktische Tipps.
■ Diese Krankheit hat viele Gesichter
Denn Migräne ist nicht immer der pochende, einseitige Schmerz, der Betroffene ins abgedunkelte Schlafzimmer zwingt. Migräne hat viele Gesichter. Eine Attacke dauert mindestens vier Stunden, manchmal auch drei Tage lang. Sie kann einseitig sein oder beidseitig, begleitet von Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit – das muss aber nicht so sein. „Entscheidend ist nicht ein einzelnes Symptom“, erklärt Holle-Lee, „sondern wie stark Migräne den Alltag beeinträchtigt.“ Viele funktionieren weiter, gehen zur Arbeit, erledigen Termine – und zahlen dafür einen hohen Preis.
Schätzungsweise zehn bis 15 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch. „Viele wissen gar nicht, dass sie Migräne haben“, erläutert die Münchner Expertin.
Das liege daran, dass die Erkrankung extrem unterschiedlich auftreten kann. Bei manchen dominieren Nackenschmerzen, bei anderen Schwindel, bei Kindern oft Bauchschmerzen. Es gibt Migräne mit sogenannten Auren wie Sehstörungen oder neurologischen Ausfällen – manchmal sogar ganz ohne anschließenden Kopfschmerz. „Diese Vielfalt führt dazu, dass Migräne oft jahrelang nicht erkannt wird.“
■ Ein empfindliches Gehirn von Geburt an
Dabei weiß die Medizin heute deutlich mehr über die Krankheit. Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit starker genetischer Komponente. „Man kommt mit einem Migränegehirn auf die Welt“, erklärt Holle-Lee. „Dieses ist von Natur aus empfindlicher gegenüber äußeren und inneren Reizen. Das bedeutet: Das Gehirn kann Reize wie grelles Licht, starke Gerüche oder Lärm schlechter filtern und sich weniger gut daran anpassen. In der Folge kann es zu einer sogenannten neurogenen Entzündung kommen. Dabei werden verschiedene Strukturen im Gehirn aktiviert, unter anderem Bereiche im Hirnstamm und die Hirnhäute. Diese Aktivierung verstärkt die Reizempfindlichkeit weiter und führt letztlich zu den typischen Migräneschmerzen und Begleitsymptomen.“
■ Hormone, Stress und falsche Schuldgefühle
Hormone spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie die Erkrankung deutlich beeinflussen können. Daher sind Frauen auch häufiger von Migräne betroffen.
In Phasen mit starken hormonellen Veränderungen – wie in der Pubertät, während der Menstruation oder in den Wechseljahren – ist das Migränegehirn oft besonders empfindlich. „Viele Frauen erleben während der Schwangerschaft eine Besserung, und auch nach der Menopause wird es häufig dauerhaft ruhiger. Stabile Hormonspiegel sind für das Migränegehirn günstiger“, so die Fachautorin Holle-Lee.
Stress ist ebenfalls ein Auslöser – allerdings anders, als viele es sich vorstellen. „Nicht die Belastung selbst, sondern der abrupte Wechsel in die Entspannung, der sogenannte Stressabfall, löst häufig Attacken aus“, so die Expertin. Die Rolle der Ernährung werde dagegen oft überschätzt. „Alkohol triggert zwar mitunter, aber für die meisten Menschen sind Schlaf, Hormone und Stress deutlich relevanter.“
■ Was den Patienten bei einem Anfall hilft
Migräne ist keine Frage von Disziplin oder falschem Verhalten – mehr Wasser trinken oder weniger Stress allein heilen sie nicht. Bei einer akuten Migräneattacke ist frühes Handeln entscheidend. Spezielle Migränemedikamente sollen einen Anfall möglichst früh und effektiv unterbrechen. Dazu gehören zum Beispiel Triptane. Sie wirken bei anderen Schmerzformen nicht, bei Migräne aber meist sehr zuverlässig, um die Attacke zu beenden – im Gegensatz zu klassischen Schmerzmitteln, die oft nicht ausreichen. „Wichtig ist“, betont Holle-Lee, „dass Betroffene ihre Medikamente kennen und ohne schlechtes Gewissen einsetzen. Migräne ist kein Durchhalteproblem!“ In der Vorbeugung hat sich in den letzten Jahren viel getan. Die Migräne-Spezialistin erklärt, warum das für Betroffene ein echter Wendepunkt ist: „Neben älteren, nicht spezifischen Medikamenten wie bestimmten Antidepressiva oder Betablockern stehen heute auch gezielte Therapien zur Verfügung, etwa CGRP-Antikörper, Gepante oder Onabotulinumtoxin A. Diese greifen direkt in die Migränemechanismen ein und können die Häufigkeit und Schwere der Attacken deutlich reduzieren.“
■ Eine gute Therapie muss individuell sein
Doch auch die beste Therapie verspricht keine völlige Beschwerdefreiheit. „Migräne lässt sich nicht einfach wegbehandeln“, so Holle-Lee. Umso wichtiger sei ein realistischer Umgang mit der Erkrankung und ein Wissen um die wichtige Rolle nichtmedikamentöser Faktoren wie regelmäßiger Schlaf, Bewegung und Entspannung. Aber auch die Erkenntnis, dass eine Attacke kein persönliches Scheitern ist. Denn auch Akzeptanz kann den Leidensdruck enorm reduzieren: „Migräne ist keine Frage von Disziplin oder falschem Verhalten.“ Auch unter guter Therapie können Attacken auftreten, das bedeutet nicht, dass etwas „schiefgelaufen“ ist. Was genau hilft, sei individuell verschieden. Migräne verschwindet vielleicht nicht immer. Aber sie lässt sich verstehen. Und behandeln.