Hightech im Kampf gegen Darmkrebs: Chirurg Prof. Franz Bader mit dem Da-Vinci-Roboter. © Foto: Isarklinikum
München – Im Kampf gegen Darmkrebs steckt die moderne Spitzenmedizin in einem Dilemma. Obwohl sie gebetsmühlenartig für Vorsorge wirbt, nutzen noch viel zu wenige diese Möglichkeit. Eine Darmspiegelung wird ab 50 empfohlen – seit dem vergangenen Jahr nicht nur Männern, sondern auch Frauen. „Doch in Deutschland geht nicht mal jeder Fünfte hin“, weiß Gastroenterologe Privatdozent Dr. Holger Seidl vom Isarklinikum. Dabei könnte diese Untersuchung viele Leben retten. Sie enttarnt nämlich Darmkrebs-Vorstufen, sogenannte Polypen, die im Regelfall gleich schmerzfrei entfernt werden können. Auch frühe Tumorformen können rechtzeitig erkannt werden. „Das erhöht die Heilungschancen massiv und versetzt uns in die Lage, den Krebsherd schonend und minimalinvasiv zu entfernen“, berichtet Chirurg Professor Franz Bader. Er nutzt dabei auch modernste Technik wie einen OP-Roboter.
Medizin-Gipfel im Isarklinikum
„Vorsorge, frühe Diagnostik und personalisierte Therapie eröffnen heute Chancen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären. Aber wir brauchen effektive Strategien, um diese Chancen auch zu nutzen“, betonen Seidl und Bader. Die beiden Spezialisten des Isarklinikums haben gemeinsam mit dem Netzwerk gegen den Darmkrebs unter dem Vorsitz des niedergelassenen Gastroenterologen Dr. Berndt Birkner einen Medizin-Gipfel organisiert. Bei der öffentlichen und kostenlosen Infoveranstaltung am morgigen Donnerstag ab 17 Uhr in der früheren Isar-Post, dem roten Backsteingebäude an der Sonnenstraße 24–26, sollen Ärzte und Patienten auf den neuesten medizinischen Stand gebracht werden – unter anderem zu neuen Diagnostikmethoden. „Mit moderner Molekulardiagnostik lässt sich der Gen-Code des Tumors entschlüsseln“, erläutert Seidl. Zudem können beispielsweise spezielle Bluttests mit zirkulierender Tumor-DNA kleinste Tumorreste oder Rückfälle frühzeitig erkennen.
Die Multi-Genanalyse ermöglicht es den Spezialisten auch, moderne Arzneimittel einzusetzen, die sich bereits bei anderen Krebsarten bewährt haben. So könnte bei einem Darmkrebspatienten möglicherweise auch ein Präparat anschlagen, das bislang eher bei Magen- oder Brustkrebs eingesetzt wird – weil bestimmte Merkmale der unterschiedlichen Tumoren identisch sind. „Wir können immer mehr Menschen mit immer weniger Nebenwirkungen helfen“, erläutert Seidl.
Insbesondere Immuntherapien erzielen enorme Erfolge. In manchen Fällen haben sie bereits eine Heilung auch im fortgeschrittenen Krankheitsstadium ermöglicht.
Auch bei den OP-Techniken gibt es große Fortschritte – vor allem dank immer besserer digitaler Bildgebung, Robotik und viel Know-how über einen optimalen Behandlungsablauf vor und nach dem Eingriff. „Wir können heute nahezu alle Eingriffe am Darm minimalinvasiv durchführen. Zudem setzen wir ein spezielles Behandlungsprogramm für noch schnellere Erholung ein. Auch nach größeren Eingriffen werden die Patienten sehr oft schon am dritten oder vierten Tag entlassen“, erklärt Bader.
Trotz aller positiven Entwicklungen gehört Darmkrebs weiter zu den häufigsten Tumorarten. „In Bayern erhalten 3500 Frauen und 4400 Männer jedes Jahr eine Darmkrebs-Neudiagnose“, weiß Gesundheitsministerin Judith Gerlach. Neben der Vorsorge will die zweifache Mutter die vielen Vorteile eines gesunden Lebensstils stärker im öffentlichen Bewusstsein verankern, treibt dazu einen „bayerischen Masterplan Prävention“ voran.
Ihre Botschaft: Wir können viel selbst tun, um das Risiko für ernste Erkrankungen wie Darmkrebs erheblich zu verringern. „Die wichtigsten Risikofaktoren können wir beeinflussen: Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen. Auch eine ballaststoffarme Ernährung, Alkoholkonsum und der übermäßige Verzehr von rotem oder verarbeitetem Fleisch gehören zu den Risikofaktoren“, sagte Gerlach unserer Zeitung. Auch Gastroenterologe Seidl rät von sogenannten ultraprozessierten Produkten ab: „Tiefkühlpizza, Fertig-Burger, Chicken-Nuggets oder Snacks für die Mikrowelle können das Krebsrisiko erhöhen und chronisch-entzündliche Darmerkrankungen befeuern.“