Schlaganfall: Das Leben danach

von Redaktion

Vor dem Schlaganfall unternahm Karl H. mit seinen beiden Söhnen gerne weite Touren mit den Motorrädern. © Repro: Marcus Schlaf

„Ein großer Bruch“: Karl H. hat nach einem Schlaganfall vergangenes Jahr an Ostern ein eingeschränktes Blickfeld und kann nicht mehr Motorrad fahren. © Marcus Schlaf

Erinnerungen: Claudia H. schenkte ihrem Mann Karl ein Fotoalbum seines letzten Flugs. © Marcus Schlaf

München – Zu fliegen, die Welt zu entdecken und Neues zu wagen, das war sein Leben. Ein Schlaganfall hat Karl H. diese Selbstständigkeit vor einem Jahr völlig unerwartet geraubt. „Es ist wie ein Todesfall, den man zu bewältigen hat“, resümiert der 70-Jährige. Durch den Schlaganfall hat er linksseitig sein Gesichtsfeld verloren und ist halbseitig blind. Deshalb kann der ehemalige Lufthansa-Pilot nun nicht einmal mehr Fahrrad fahren – geschweige denn sich auf seine Harley-Davidson schwingen. „Ein Großteil meiner Hobbys hat etwas mit Bewegung zu tun, ich musste sie alle aufgeben“, sagt er.

In der medizinischen Fachsprache nennt man den einseitigen Gesichtsfeldausfall eine homonyme Hemianopsie. Der Sehverlust liegt bei Karl H. aber nicht an einer Schädigung der Augen. Durch den Schlaganfall wurde die Verbindung der Sehbahn von den Augen zum Gehirn zerstört. Durch den Schlaganfall ist quasi die Verkabelung des Auges im Gehirn beschädigt. Die Sinneseindrücke erzeugen kein Bild, denn die Sehnerven sind nicht mehr angeschlossen. Die entsprechende Gehirnregion ist wegen der durch den Schlaganfall verursachten Durchblutungsstörung abgestorben.

Der Sehverlust auf einer Seite führt dazu, dass der 70-Jährige sich enorm konzentrieren muss, wenn irgendwo viel los ist. Denn auch wenn er versucht, durch schnelle Augen- und Kopfbewegungen auch die Umgebung links zu erfassen, ist das bei viel Verkehr kaum möglich. Zu schnell ändert sich etwas. Taucht beispielsweise ein Hund oder Radfahrer von links auf oder ist der Boden uneben, wird sogar eine Wurzel zur Stolperfalle. Ein Gesichtsfeldausfall bedeutet für die Betroffenen oft erhebliche Einschränkungen. Etwa 6000 der jährlich rund 270.000 Schlaganfall-Patienten in Deutschland sind betroffen.

Der Abschied von seinem früheren Leben kam für Karl H. völlig unerwartet. Denn als Pilot – auch in seinem Ruhestand flog er noch als Privatpilot – gehörten regelmäßige halbjährliche Gesundheitsuntersuchungen für ihn zum Alltag. „Nie wurde etwas gefunden, nie gab es Warnsignale“, sagt Karl H.

So dachte er auch nicht im Entferntesten an einen Schlaganfall, als er sich im vergangenen Jahr an Ostern mit seiner Frau Claudia auf dem Heimweg von Südtirol befand und bei einem Zwischenstopp in Bozen plötzlich die Schrift einer Anzeigetafel nicht mehr lesen konnte. „Mein Bruder hatte kurz zuvor eine Netzhautablösung und ich dachte, jetzt passiert mir das Gleiche“, erinnert er sich. Er glaubte nicht an einen Notfall und bat seine Frau Claudia, ihn nach München in eine Augenklinik zu fahren. Diese setzte sich ans Steuer und fuhr sofort los.

In der Notaufnahme der Augenklinik schien nach Auskunft des Arztes mit den Augen alles in Ordnung zu sein und er wurde nach Hause entlassen. Ein fataler Fehler. „Den Ostersonntag verbrachte ich im Bett, am Montagmorgen rief meine Frau dann den Rettungsdienst.“ Erst jetzt, nach fast zwei Tagen, wurde in der Klinik ein Schlaganfall diagnostiziert.

Jetzt, knapp ein Jahr später, hofft er zwar, dass sein Gesichtsfeld wieder zurückkommt – hat die Hoffnung aber fast aufgegeben. In der Regel stellt sich eine Besserung in den ersten Wochen oder Monaten nach dem Schlaganfall ein, sagt Karl H. „In einer Sekunde kann sich alles ändern.“ Diese schmerzliche Erfahrung muss Karl H. noch immer verwinden. „Die einzige Therapie, die mir jetzt bleibt, ist Warten“, bedauert er. Klar, in der Reha trainiere er schnelle Augenbewegungen, sogenannte Sakkaden, um den Gesichtsfeldausfall so gut wie möglich auszugleichen. Aber Auto-, Motorrad- oder Radfahren bleiben unmöglich.

Was Karl H. besonders vermisst, ist ein Austausch mit anderen Betroffenen: „Es gibt im Internet Therapieangebote, die mit Lichtblitzen und Wechselstrom arbeiten. Ich vermag aber deren Seriosität nicht einzuschätzen und die hohen Kosten werden von der Krankenkasse nicht übernommen.“ Deshalb wüsste er gerne, ob jemand schon Erfahrungen mit einer Sichtfeldeinschränkung damit gemacht hat. Um sich mit anderen Leidtragenden austauschen zu können, plant er die Gründung einer Selbsthilfegruppe. Interessenten können sich gerne unter der E-Mail-Adresse hemianopsie-muenchen@web.de melden.

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