Im Frühling gehören Hunde an die Leine. © Mauritius
Die Almtränke ist keine Badewanne für Hunde! © Mauritius
Lebt und arbeitet auf dem Land: Nicola Förg. © F. Deventer
Lieb gemeint, aber keine gute Idee: Nicht alle Tiere vertragen frisches Gras. Wenn jeder Spaziergänger Ponys oder Esel füttert, können die Tiere sehr krank werden. © Fischinger/Mauritius
München – Die Outdoorsaison beginnt: Nach dem langen Winter zieht es Menschen in die Natur. Da es sehr viele Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Sportgeräten sind, täte ein bisschen Rücksicht gut. Denn man bewegt sich im Wohnzimmer von Wildtieren, in der guten Stube von Nutztieren und im Lebensraum von Menschen, die hier leben und wirtschaften. Ich will mit meinem Buch „Landwissen!“ niemandem den Spaß verderben, sondern erklären, warum man manches nicht tut!
Wiesen sind tabu: Klar, Kinder und Hunde haben ein hohes Bewegungsbedürfnis. Aber auch nach einer längeren Autofahrt sofort in die nächste Wiese zu rennen, ist keine gute Idee. Landwirtschaftliche Flächen unterliegen vom 1. April bis Ende Oktober einem Betretungsverbot! Das bezieht sich auf die Aufwuchszeit. Wiesen haben Besitzer, die sie nutzen und pflegen. Und ja: Da ist kein Zaun, kein Verbotsschild, denn kein Landwirt will kilometerlang Wiesen einzäunen oder noch mehr zum Schilderwald beitragen
Jedes Tier zählt: Warum zertreten manche Menschen Käfer oder Ameisen? Wer entscheidet, wer süß ist und wer eklig? Ein Waschbär gilt als süß, ist aber eine invasive Art, die plattmacht, was ursprünglich in den Lebensraum gehört. Waschbären sind die einzigen Tiere, die Frösche häuten, um an das Muskelfleisch zu kommen! Andere Tiere lassen von Kröten und Fröschen ab, weil ihre Haut ein fieses Sekret absondert. Waschbären hingegen patrouillieren sogar an Krötenschutzzäunen, die errichtet wurden, damit Amphibien bei der Wanderung zu ihren Laichgewässern nicht von Autos überrollt werden. Die Helfer finden dann tote und angefressene Erdkröten, Molche, Gras- und Moorfrösche.
Lieb gemeint ist trotzdem schlecht! Eltern und Kinder füttern am Zaun ein paar süße Ponys. Natürlich wissen sie, dass man Pferden keinen Zucker oder Brot geben darf. Aber Gras darf man den Tieren doch hinhalten? Ponys fressen doch Gras! Das stimmt, Ponys würden am liebsten 24 Stunden am Tag Gras fressen. Das Problem dabei: Sie stammen aus Ursprungsgebieten, wo es sinnvoll war, zu fressen, was das Zeug hält, wie z. B. den Shetlandinseln oder Island. Da gibt es nur Moose und Flechten mit wenig Energie. Wenn man aber mit so einer „Notstands-Genetik“ das Gras für die Milchkuh in sich reinstopft, macht das krank! Womöglich kommen den ganzen Tag über Menschen vorbei, halten Gras hin, und das summiert sich. Es kann sein, dass ein Pony darunter ist, das schon mehrfach im Leben Hufrehe hatte und kein Gras mehr fressen darf! Das Pferd kann sich nicht übergeben, bei Magen- oder Darmproblemen muss das Übel durch den Hinterausgang. Und wenn da eine Verstopfung vorliegt, ist Alarm im Darm. Und das führt schnell zum Tod.
Leinen retten Leben: In der Brut- und Setzzeit gehört auch der bravste Hund angeleint. Nehmen wir das Reh: Es hat Pech, hat es doch von den vor den Alpen vorkommenden Wiederkäuern einen relativ kleinen Pansen. Es muss bis zu elfmal am Tag Nahrung aufnehmen und dazwischen wiederkäuen. Wenn es in diesem Zyklus durch vermeidbare Fluchten gestört wird, ist das sehr gesundheitsschädlich, die Störung der Wiederkäuphasen kann bis zum Tod führen! Noch komplizierter wird es während der hochsensiblen Phase in der Natur, wenn es tragende Tiere sind oder sie gerade gesetzt (ein Kitz bekommen) haben. Der Körper – auch von Tieren – ist rund um die Geburt besonders anfällig, jede Störung bedeutet Stress. Auch wenn der Hund am Kitz nur schnuppert, die Mutter nimmt das Kitz nicht mehr an. Wenn er es eventuell auch noch ableckt, wird die Geiß die Hundewitterung aufnehmen und das Kitz nicht mehr säugen. Auch dieses Kitz wird elend verhungern!
Nachtruhe einhalten: Immer öfter werden Fackelwanderungen (Waldbrandgefahr!!) oder Nachtwanderungen mit Taschenlampen angeboten. Aber der Mensch ist ein tagaktives Säugetier, das nachts schlafen und seine Batterien wieder aufladen sollte. Und am besten auf Nachtwanderungen einfach verzichten, denn im Schlaf liegt aktiver Tierschutz! Viele Tiere sind gezwungenermaßen nachtaktiv geworden, weil unter Tags überall Menschen sind! Und jetzt rennt der Mensch auch noch nachts durch den Wald. Die goldene Regel: vor dem Dunkelwerden zu Hause sein, erst nach der Morgendämmerung unterwegs sein.
Almen und Alpen sind kein Zoo und kein Selfie-Tummelplatz: Rinder sind Herden- und Fluchttiere. Anders als im Stall im Tal leben sie auf der Alm viel stärker ihre angeborenen Fähigkeiten aus, erst recht, wenn Kälber dabei sind. Zudem ist jeder Hund ein Beutegreifer und damit eine Bedrohung, und die Verteidigung der Kühe richtet sich dann mal gegen Hund und Mensch. Man ignoriert Kühe am besten. Man umläuft oder umfährt sie langsam. Der Hund gehört an die Leine, auf der den Kühen abgewandten Seite. Nur im Falle eines Angriffs lässt man Hunde von der Leine, weil sich der Fokus der Tiere auf den Hund verschiebt – der kann leichter flüchten.
Almen sind Wohnzimmer von Tieren: Gatter gehören immer geschlossen, weil entlaufene Kühe sich schwer verletzen oder sogar abstürzen können. Wasser ist auf vielen Almen Mangelware und frisches, reines Wasser für Almtiere überlebensnotwendig. Also lässt man seinen Hund da nicht baden, verschluckte Hundehaare machen Wiederkäuer krank. Auch Taschentücher, Klopapier, Dosen, aber auch Bananenschalen oder Apfelbutzen sind mitzunehmen! Die Kompostierzeiten von organischen Abfällen sind in großen Höhen länger und Zitrusfrüchte verrotten sehr langsam. Außerdem können die Tiere auf der Alm den Müll fressen, was zu Darmverschluss und Vergiftungen führen kann. Böse Schnittverletzungen betreffen nicht nur Rinder, sondern auch Reh, Hirsch, Igel oder Murmeltier!
Auf den Wegen bleiben! Tiere können gut mit „kanalisierten“ Menschen umgehen. Sie können diese gut einschätzen und verschwenden keine Energie mit sinnlosen Fluchten. Wer in der Natur auf den Wegen bleibt – als Wanderer und Bergradler – ist ein Naturfreund. Wer weg- und steglos über Almflächen oder durch den Wald geht oder radelt, richtet praktisch im Vorübergehen einen gewaltigen Schaden an der Tier- und Pflanzenwelt an.
Buchtipp: Nicola Förg: Landwissen! Malik, 20 €.