Kathrin Luboldt managt täglich in ihrer Apotheke die Folgen von Arzneimittellieferengpässen. © Oliver Schumacher
Düsseldorf – Mal fehlen Fiebersäfte, an anderen Tagen sind es bestimmte Antibiotika. Seit der Corona-Pandemie treten immer wieder Lieferengpässe von Arzneimitteln auf. Woran das liegt, erklärt Kathrin Luboldt, Vizepräsidentin der Apothekerkammer Nordrhein.
Sie sind Inhaberin einer Apotheke. Wie präsent ist das Thema Lieferengpässe in Ihrem Alltag?
Leider sehr präsent. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mehrmals mit Lieferengpässen zu tun haben. Das betrifft längst nicht mehr nur seltene Präparate, sondern auch Standardmedikamente wie Schilddrüsenpräparate, Blutdruckpräparate und Psychopharmaka. Für die Apotheken vor Ort bedeutet das einen enormen Mehraufwand, und für die Patienten oft Unsicherheit und Wartezeit, bis Alternativen gefunden und abgeklärt werden können.
Warum bekommt ein wohlhabendes Land wie Deutschland nicht ausreichend Medikamente?
Die Ursachen sind komplex. Ein zentraler Punkt ist die globale Abhängigkeit von wenigen Produktionsstandorten, vor allem in Asien. Wenn dort eine Fabrik ausfällt oder politische Spannungen entstehen, spüren wir das sofort.
Zudem gibt es logistische Probleme, etwa wenn Rohstoffe knapp werden oder Transportwege gestört sind. Daher kann auch der Krieg im Iran zu neuen Lieferengpässen führen.
Hängt es nur an der Globalisierung?
Nein, es kommen auch hausgemachte Gründe dazu. Für viele Arzneimittel, die keinen Patentschutz mehr besitzen, schließen Krankenkassen seit vielen Jahren mit den günstigsten Anbietern Rabattverträge ab. Das sind meistens Firmen aus Asien. Deutsche Hersteller können bei diesem Preisdumping nicht mehr mithalten. Für sie lohnt sich die Produktion nicht mehr. Und mit den Jahren werden hierzulande immer mehr Fabriken geschlossen. Ebenso führen die Dumpingpreise in Deutschland dazu, dass die Hersteller ihre Arzneimittel lieber in andere europäische Länder verkaufen.
Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?
Als in Deutschland die Fiebersäfte für Kinder knapp waren, gab es zum Beispiel in Tschechien ein ausreichendes Angebot. Die Hersteller haben dort einfach mehr Geld für ihre Medikamente bekommen. Wir müssen uns in Deutschland einfach fragen, wie viel wir für Arzneimittel bezahlen wollen. Wenn in Deutschland eine Packung Antibiotika gerade mal so viel wie ein Kaugummi kostet, darf man sich nicht wundern, wenn hier zu wenig davon ankommt.
Wie reagieren Ihre Patienten darauf?
Die meisten sind verständnisvoll, aber natürlich frustriert. Besonders schwierig ist es bei Eltern, deren Kinder dringend ein Medikament benötigen, oder bei chronisch kranken Menschen, die auf ein bestimmtes Präparat eingestellt sind. Wir versuchen dann, Alternativen zu finden, aber das ist nicht immer einfach.
Wie viel zusätzliche Arbeit entsteht dadurch?
Sehr viel. Wir telefonieren täglich mit Arztpraxen, um Ersatzpräparate abzustimmen. In manchen Fällen, wenn Praxen telefonisch schlecht zu erreichen sind und der Patient selbst eingeschränkt ist, müssen wir sogar einen Boten dorthin schicken.
Außerdem prüfen wir Verfügbarkeiten bei Großhändlern, dokumentieren Ausnahmen und beraten Patienten intensiver. Das kostet Zeit, die uns an anderer Stelle fehlt. Viele Kollegen empfinden das als enorme Belastung. Und der zusätzliche Aufwand wird zudem finanziell nicht ausreichend honoriert. Die Apotheken vor Ort zahlen bei jedem Lieferengpass drauf.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern?
Wir brauchen eine breitere Produktion in Europa, auch wenn das teurer ist. Außerdem sollten wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, damit Hersteller wichtige Medikamente nicht aus dem Sortiment nehmen. Und wir Apotheken brauchen mehr Handlungsspielraum, um bei Engpässen schneller auf Alternativen ausweichen zu können, ohne jedes Mal bürokratische Hürden zu überwinden.
Was können Patienten tun?
Vor allem chronisch Kranke können vorbeugende Maßnahmen treffen. Viele benötigen immer wieder die gleichen Medikamente. Wenn sie merken, dass sie zur Neige gehen, empfehle ich, nicht bis zur letzten Tablette zu warten, sondern sich bereits zwei Wochen vorher das Rezept zu besorgen. Mit dem ausreichenden Vorlauf können die Apotheken vor Ort die Patienten in der Regel immer ausreichend versorgen.
Haben Sie das Gefühl, dass die Politik das Problem ernst genug nimmt?
Es gibt Bewegung, aber vieles geht zu langsam. Lieferengpässe sind kein kurzfristiges Phänomen, sondern ein strukturelles Problem. Wenn wir nicht grundlegend umdenken, wird sich die Situation weiter verschärfen.