IN KÜRZE

Depressionen bleiben oft unentdeckt

von Redaktion

Zu häufig verordnet: Antidepressiva. © imago/Jochen Tack

Berlin –

Der Glaube, dass eine Krise, eine Katastrophe oder Kriegsangst alleine in eine echte Depression führen, hält Ulrich Hegerl für falsch. „Äußere Umstände können allenfalls ein Trigger sein“, äußert der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Doch das gilt seiner Meinung nach nur für Einflüsse, die weit weg sind, wie etwa der Krieg im Iran oder die weltweiten Folgen der Klimakrise. Hautnah erlebte Arbeitslosigkeit oder andere Krisen könnten dagegen bei entsprechender Veranlagung zum Ausbruch einer Depression beitragen. Der Psychiater warnt davor, die Begriffe verschwimmen zu lassen. Eine echte Depression sei etwas vollkommen anderes als eine Befindlichkeitsstörung. Ihn besorgt auch weniger, dass durch vorwiegend soziale und politische Umstände ausgelöste Belastungen mit Antidepressiva behandelt werden. Ein viel größeres Problem stellt für ihn die Tatsache dar, dass viele echte Depressionen noch immer unentdeckt sind und Antidepressiva nach wie vor ein Stigma anhaftet.

Und doch werden Psychopharmaka von Jahr zu Jahr häufiger verschrieben. Zwischen 2005 und 2024 gab es einen eklatanten Anstieg der verschriebenen Antidepressiva: Mehr als 1,8 Milliarden Tagesdosen wurden 2024 verordnet. 2005 waren es 737 Millionen. Laut einer Hochrechnung der Krankenkasse KKH diagnostizierten Ärzte 2024 bei rund 4,2 Millionen Menschen in Deutschland eine wiederkehrende Depression. Frauen sind dabei doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Vieles wirkt derzeit auf die Menschen ein: Die Welt erscheint immer unsicherer, Kriege nehmen zu und die Gesellschaft wird nicht mehr so stabil wie früher wahrgenommen. Helfen kann der Versuch, die eigene Gedankenrichtung zu ändern: weg vom ständig Negativen hin zum Positiven.

Viel zu häufig würden Psychopharmaka verordnet, obwohl die Ursachen eines schlechten seelischen Befindens nicht in einer individuellen Problematik begründet liegen, sagt der Sozialpsychologe Heiner Keupp. Belastet und down zu sein, bedeute nicht, eine echte Depression zu haben. Und doch, vermutet Keupp, wird mitunter eine solche diagnostiziert und mit Psychopharmaka behandelt. Gerade in Hausarztpraxen bleibe oft zu wenig Zeit, um danach zu fragen, was genau den Patienten bedrückt. Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention betont aber auch, es sei ein Erfolg, dass die Zahl der Suizide sinkt. Vor 45 Jahren nahmen sich noch 18.000 Menschen in Deutschland das Leben. 2024 waren es knapp 10.400. Eine wachsende Zahl an Depressionsdiagnosen und Verordnungen von Antidepressiva seien für ihn deshalb sogar ein gutes Zeichen, da behandelt wird.EPD

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