Implantate nach dem Zahnverlust: Dr. Christian Maischberger bei einer Zahn-Operation. © Foto: Implaneo
Kettenreaktion durch Keime: Parodontitiserreger können über die Blutbahn in Organe wie Herz und Hirn gelangen. Die Bakterien erhöhen auch das Demenz-Risiko. © Foto: Smarterpix
München – „Zahnfleischbluten hat doch jeder mal, das wird schon nicht so schlimm sein.“ So oder so ähnlich reden sich viele Menschen ihre hartnäckigen Zahnprobleme schön. Zumindest im ersten Teil dieses Satzes steckt ein Körnchen Wahrheit: In Deutschland haben nach Ergebnissen der jüngsten Mundgesundheits-Studie rund 14 Millionen Menschen eine schwere Form von Parodontitis – eine chronische Entzündung des Zahn-Halte-Apparats. Aber harmlos ist sie nicht, im Gegenteil: Immer mehr Studien belegen, dass die unterschätzte Volkskrankheit das Risiko für dramatische Erkrankungen massiv erhöht. Derzeit verstärkt im Fokus der Wissenschaft: ein Zusammenhang zwischen Parodontitis und Alzheimer, der häufigsten Demenzform. „Die Hinweise verdichten sich, dass Männer ab 65 Jahren besonders gefährdet sind“, berichtet Professor Hannes Wachtel von der Implaneo Dental Clinic. Der erfahrene Münchner Parodontologe und Wissenschaftler verweist unter anderem auf umfangreiche Analysen von US-Kollegen. Die Auswertung auf Basis der NHANES-Daten (National Health and Nutrition Examination Survey) umfasste über einen Beobachtungszeitraum von bis zu 26 Jahren mehr als 6000 Teilnehmer. Im Blut von auffällig vielen Parodontitispatienten fanden sich Antikörper gegen ein bestimmtes Parodontitis-Bakterium. Es produziert im Gehirn Enzyme mit dem Fachbegriff Gingipaine, die Nervenzellen zerstören – das Dilemma bei Alzheimer. Die abgestorbenen Nervenzellen kann der Körper nicht ersetzen, die Betroffenen bauen geistig ab, leiden unter anderem unter Vergesslichkeit, Orientierungsstörungen und Wesensveränderungen. Eine Studie im British Dental Journal beobachtete, dass Alzheimer-Patienten mit gleichzeitiger Parodontitis einen sechsmal schnelleren kognitiven Abbau zeigten als Patienten mit gesundem Zahnfleisch.
Der Hintergrund: Bei Parodontitis können Zahnkeime mit dem Blutkreislauf in alle Organe gelangen – auch ins Gehirn. „Von den etwa 700 verschiedenen Bakterienstämmen im Mund sind die allermeisten harmlos. Gefahr geht nur von etwa zehn Erregertypen aus, die zur Gruppe der sogenannten gramnegativen anaeroben Bakterien gehören. In ihren Wänden sitzen sehr viele Giftstoffe“, erklärt Wachtel.
Die Keime können verschiedene Kettenreaktionen auslösen. So bestätigen neuere wissenschaftliche Auswertungen, dass bestimmte Parodotitis-Erreger Arterienverkalkung (Atherosklerose) befeuern. Bei schwerer Parodontitis haben die Patienten laut einer US-Studie ein verdoppeltes Schlaganfall-Risiko. Andere Forscher sehen ein um 28 Prozent erhöhtes Risiko für den ersten Herzinfarkt. Auch bestimmte Tumorarten kommen bei Parodontitis-Patienten häufiger vor. Dazu gehören Magen- und Kehlkopfkrebs. Das Lungenkrebsrisiko ist sogar dreimal so hoch. Weitere Erkrankungen wie Diabetes und Nierenleiden werden öfter beobachtet, wenn über längere Zeit chronische Entzündungsprozesse im Mund schwelen. Selbst Potenzprobleme und Schwangerschaftskomplikationen können – zumindest teilweise – auf das Konto von Parodontitis gehen. Wachtels Fazit: „Es ist erwiesen, dass Parodontitis mehr ist als nur ein Zahnproblem. Schwere Fälle machen die Erkrankungen zu einem wirklich ernst zu nehmenden systemischen Risikofaktor für die Gesundheit.“
Das Problem: „Parodontitis wird oft lange ignoriert, weil die Erkrankung zunächst keine größeren Schmerzen bereitet“, weiß Dr. Christian Maischberger, ärztlicher Leiter der Implaneo Dental Clinic, der zahlreiche Patienten mit fortgeschrittener Parodontitis behandelt. Der „Überfall“ der Bakterien erfolgt schleichend. Sie nisten sich in Taschen rund um die Zahnhälse ein, zerstören zunächst die Zahnfleischhaut und dringen dann ins Zahnfleisch ein. „Wenn man die Entzündungsprozesse nicht eindämmt, kann eine fatale Kaskade in Gang kommen“, warnt Maischberger. „Auf Dauer greifen aggressive Bakterien auch den Kieferknochen an. Es geht Knochensubstanz verloren – so lange, bis die Zähne locker werden und letztlich ausfallen. Damit verliert der Patient einen Schutzschild gegen Bakterien.“