Auch Frauen betroffen: Sie erkranken im Schnitt ein bis vier Jahre später an Parkinson als Männer. Symptome wie Zittern treten häufiger auf. © Smarterpix, C. Jacklin
Achten Sie auf häufige Nackenschmerzen. © smarterpix
Ist Parkinson eine reine Alterskrankheit?
Nicht ganz. Das Risiko steigt ab etwa 60 Jahren an. Doch etwa zehn Prozent erkranken schon vor dem 50. Lebensjahr. Die Ursachen sind vielfältig. Heute wissen wir auch, dass es berufliche Risikofaktoren gibt. Der Kontakt mit bestimmten Substanzen in der Landwirtschaft kann insbesondere Menschen mit einer genetischen Veranlagung besonders gefährden.
Welche Fortschritte gibt es in der Therapie?
Erhebliche! Es gibt unter anderem moderne Pumpen- und Infusionssysteme für die Dopamin-Therapie, die eine präzisere Dosierung ermöglichen. So kann die „Achterbahn“ zwischen Über- und Unterdosierung, zwischen Phasen von Überbewegung und Bewegungsverlangsamung, Gangblockaden und Ängsten gelindert werden. Der Hintergrund: Bei Parkinson sterben Nervenzellen ab, die Dopamin produzieren – ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, der die Steuerung unserer Bewegungen ermöglicht. Mit bestimmten Medikamenten lässt sich dieser Mangel bekämpfen. Ferner gibt es enorme Fortschritte bei der Tiefen Hirnstimulation, einer Art Schrittmacher fürs Gehirn. Diese Technik lässt sich jetzt auch digital aus der Ferne anpassen, selbst wenn der Patient tausende Kilometer entfernt ist. Heute kann eine Videosprechstunde bereits ähnlich effektiv sein wie ein Arztbesuch vor Ort. Entscheidend ist eine individuelle Therapie.
Worauf kommt es bei der Therapieplanung an?
Essenziell sind das ausführliche Gespräch und die neurologische Untersuchung, um herauszufinden, welche Beschwerden den Patienten im Alltag am stärksten belasten. Im weiteren Verlauf rücken nicht motorische Symptome wie Schmerzen, Harndrang und Kreislaufprobleme in den Vordergrund. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die frühzeitige Einbeziehung aktivierender Therapien wie beispielsweise Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Bewegung wirkt wie Medizin. Die Behandlung erfordert Teamarbeit zwischen Arzt, Patient, Angehörigen, Therapeuten und Pflegern.
Kann man die Krankheit stoppen?
Bisher leider noch nicht. Man arbeitet an Medikamenten, die den Krankheitsverlauf verlangsamen. Körperliches Training kann den Verlauf ebenfalls verzögern. Gut sind zum Beispiel Sportarten wie Tischtennis, Tanzen oder Radfahren. Es laufen bereits mehrere klinische Studien zu Therapien, die das Fortschreiten der Erkrankung bremsen sollen.
Welche Medikamente können helfen?
Das wichtigste Medikament ist nach wie vor Levodopa (L-Dopa), es wird bereits seit den 1960er-Jahren verabreicht und im Gehirn zu Dopamin umgewandelt. Dabei können allerdings Wirkungsschwankungen entstehen. Doch inzwischen gibt es immer mehr moderne Methoden, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Ein Beispiel aus München: das KI-gestützte Medizinprodukt Neptune. Das funktioniert so: Die App einer Smartwatch protokolliert die Beweglichkeit während des Tagesverlaufs. Die Dosis der Medikamente kann dadurch viel exakter gesteuert werden. Levodopa lässt sich heute auch als Pulver inhalieren, um schneller als die Tablette zu wirken. Sehr rasch wirkt auch das Medikament Apomorphin. Es wird auf einem dünnen Streifen unter die Zunge gelegt und löst sich sofort auf. Alternativ kann man es auch als Bauchspritze verabreichen – ähnlich wie den Anti-Thrombose-Wirkstoff Heparin nach einer OP.
Gibt es Alternativen? Das Universitätsklinikum Freiburg bietet eine neue Ultraschall-Behandlung an…
Das ist die MRgFUS, die Magnetresonanztomographie-gesteuerte fokussierte Ultraschalltherapie. Dabei werden gebündelte Ultraschallwellen in das gleiche Zielgewebe im Kopf geschickt wie bei der Tiefen Hirnstimulation. Das Gewebe wird verödet – das führt zur Bildung einer kleinen Läsion. Diese Narbe unterbricht den fehlerhaften Nervenschaltkreis, der das Zittern verursacht. Diese Therapie kann – wenn das Zittern als einziges Symptom weiterhin Probleme bereitet – für eine Körperseite erwogen werden. Bei beidseitigen Verödungen in einer Sitzung ist das Risiko von Sprech- und Schluckstörungen nicht mehr vertretbar. Die Langzeitdaten sind aber noch unklar.
Welche Rolle kommt künftig den Angehörigen zu?
Sie bleiben weiterhin eine unverzichtbare Stütze. Wichtig ist das Verständnis dafür, dass Parkinson weit mehr als eine reine Bewegungsstörung ist. Häufig belasten dazu auch nicht motorische Symptome wie Depression, Apathie, Angst oder Schmerzen die Beziehung. Angehörige sollten zur Therapie ermutigen und gleichzeitig die Eigenständigkeit des Patienten fördern, wo immer dies möglich ist.
Welche Fortschritte sind bereits in Sicht?
Eine bessere Früherkennung: Die Diagnose wird zukünftig schon Jahre vor dem Auftreten von Symptomen durch Biomarker im Blut möglich sein, also durch messbare biologische Merkmale wie zum Beispiel Proteine aus dem Blut. Therapien, die die Krankheit verlangsamen können, werden bereits in den nächsten fünf bis zehn Jahren verfügbar sein. Die Behandlung wird noch individueller auf jeden einzelnen Patienten abgestimmt – auf der Basis seines genetischen Profils, Biomarker-Befunden und möglichen Belastungen durch Umweltfaktoren. Und wir werden die Möglichkeiten der digitalen Medizin noch stärker nutzen, also auch aus der Ferne – ohne einen persönlichen Termin bei einem Arzt vor Ort – helfen können.