Luftnot, Brustschmerzen: Das Broken-Heart-Syndrom verursacht Symptome wie bei einem Herzinfarkt. © Stephan Jansen
Eine Ärztin mit Empathie und Energie: die Münchner Gynäkologin Prof. Marion Kiechle. © Foto: Jens Hartmann
München – In der Medizin spielten spezifische Bedürfnisse von Frauen lange Zeit kaum eine Rolle – teils ist das noch heute so: Darauf macht der Internationale Tag der Frauengesundheit am 28. Mai aufmerksam. Ein Thema, das auch Prof. Marion Kiechle am Herzen liegt. Seit 2000 ist sie Direktorin der Frauenklinik am TUM Klinikum Rechts der Isar. Ein Gespräch über lange Leidenswege und gefährliche Ignoranz.
Medizin für Frauen war lange männlich geprägt. Was hat sich seit Ihrem Amtsantritt getan?
Heute wissen wir viel genauer, dass Frauen und Männer nicht nur unterschiedliche Erkrankungsrisiken haben, sondern Krankheiten auch unterschiedlich erleben, beschreiben und verarbeiten können. Auch Medikamente wirken nicht immer gleich.
Historisch wurden Frauen – besonders im gebärfähigen Alter – aus frühen Arzneimittelstudien häufig ausgeschlossen; dadurch fehlten lange wichtige Daten. In der Gynäkologie sehen wir die Entwicklung besonders deutlich: Wir sprechen heute offener über Endometriose, Wechseljahre, Kinderwunsch, genetische Krebsrisiken, Sexualität oder Beckenbodengesundheit. Gleichzeitig ist Frauengesundheit keine Nische, sondern ein Teil moderner Präzisionsmedizin. Gute Medizin muss fragen: Für welchen Menschen ist welche Behandlung in welcher Lebensphase die richtige?
Werden Beschwerden von Frauen öfter bagatellisiert?
Viele Patientinnen berichten genau das: dass Schmerzen, Erschöpfung oder zyklusabhängige Beschwerden zu schnell als „normal“, „stressbedingt“ oder „psychisch“ eingeordnet wurden.
Natürlich hat fast jede Erkrankung auch eine seelische Dimension – aber das darf nicht dazu führen, dass körperliche Ursachen übersehen werden. Gerade bei chronischen Schmerzen, Unterbauchbeschwerden oder diffusen Symptomen brauchen Frauen oft einen langen Atem, bis sie ernst genommen werden.
Kann es lebensgefährlich sein, wenn Symptome bei Frauen fehlgedeutet werden?
Ja. Das bekannteste Beispiel ist der Herzinfarkt. Brustschmerz ist auch bei Frauen ein häufiges Symptom, aber Frauen können häufiger ohne klassische Brustschmerzen kommen und stattdessen Übelkeit, Erbrechen, Luftnot, Kiefer- oder Rückenschmerzen, Herzstolpern, Schwindel oder ausgeprägte Müdigkeit schildern. Wenn solche Beschwerden nicht als mögliches Herzproblem erkannt werden, geht wertvolle Zeit verloren. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie beschreibt außerdem diagnostische Unterschiede, etwa bei EKG-Veränderungen und Troponin-Werten.
Gibt es weitere Beispiele?
Ein weniger bekanntes Beispiel ist das Broken-Heart-Syndrom: Es kann sich wie ein Herzinfarkt äußern, tritt zu etwa 90 Prozent bei Frauen nach den Wechseljahren auf und kann selten schwer verlaufen. Auch die Schwangerschaftsgeschichte einer Frau gehört stärker in den Blick. Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes oder Frühgeburtlichkeit können Hinweise auf ein später erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko sein. Frauengesundheit endet nicht bei der Gebärmutter – sie betrifft den ganzen Körper. Dies untersuchen wir in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Privatdozent Dr. Eimo Martens aus unserer Kardiologie. Typisch weibliche Risikofaktoren für die koronare Herzkrankheit (KHK) werden zu wenig berücksichtigt.
Welche Rolle spielt der Zyklus für die Gesundheit?
Der Zyklus ist kein Randthema. Hormonschwankungen können Schlaf, Stimmung, Schmerzempfinden, Migräne, Leistungsfähigkeit, Stoffwechsel und Wohlbefinden beeinflussen. Für manche Frauen ist das kaum spürbar, für andere sehr belastend. Wir sollten Beschwerden immer auch im zeitlichen Zusammenhang betrachten – wann treten sie auf, wann verschlechtern sie sich, wann bessern sie sich? Ein einfacher Zykluskalender kann diagnostisch sehr wertvoll sein.
Beeinflusst der Zyklus auch die Wirkung von Medikamenten?
Nicht jedes Medikament wirkt zyklusabhängig, die Datenlage ist je nach Wirkstoff unterschiedlich. Aber biologische Geschlechtsunterschiede bei Verteilung, Abbau und Ausscheidung von Medikamenten sind gut beschrieben; so können fettlösliche Medikamente bei Frauen länger im Körper verbleiben, manche Wirkstoffe haben unterschiedliche Wirk- oder Nebenwirkungsprofile. Neuere pharmakologische Übersichten zeigen: Zyklusschwankungen können theoretisch und bei einzelnen Wirkstoffen relevant sein, aber man darf daraus keine pauschalen Regeln ableiten. Gerade bei Medikamenten mit enger therapeutischer Breite, bei Epilepsie, Migräne, psychischen Erkrankungen oder starken zyklusabhängigen Beschwerden lohnt sich aber der genaue Blick.
Frauen in den Wechseljahren fragen sich, ob Hormonersatz nützt oder schadet.
Beratung ist in dieser Lebensphase zentral. Viele Frauen sind verunsichert: Die einen haben große Angst vor Hormonen, andere erwarten, dass Hormone alle Probleme lösen. Beides ist zu kurz gegriffen. Eine Hormonersatztherapie kann bei starken Beschwerden wie Hitzewallungen, Nachtschweiß oder Schlafstörungen sehr wirksam sein. Gleichzeitig ist sie eine medizinische Behandlung mit Nutzen und Risiken, die von Alter, Zeitpunkt der Menopause, Gebärmutterstatus, Brustkrebsrisiko, Thromboserisiko, Herz-Kreislauf-Risiko und persönlichen Beschwerden abhängt.
Die beste Entscheidung ist eine individuelle Entscheidung. Hier setzt moderne Wechseljahrs-Medizin an: nicht nur Hormone ja oder nein, sondern Aufklärung über Beschwerden, Knochengesundheit, Herz-Kreislauf-Risiken, Sexualität, Schlaf, Psyche, Gewicht und Prävention.