Strategien für Balance im Büro

von Redaktion

Redakteurin Alexandra Grauvogl ist ehemalige Leistungssportlerin und geprüfte Fitnesstrainerin. © IPPEN.MEDIA

Zurücklehnen, Augen schließen und bewusst atmen: Was sich banal anhört, kann laut Forschung bei der Stressregulation helfen. © IMAGO/Depositphotos

München – Kennen Sie das? Nach stundenlanger Bildschirmarbeit wollen Sie vom Schreibtisch aufstehen – und der untere Rücken protestiert mit Zwicken. Der Nacken fühlt sich an wie Beton, die Konzentration verabschiedet sich im Nachmittagstief, jetzt hilft nur noch Kaffee oder ein süßer Snack. Und doch bleibt zum Feierabend nur ein Gefühl: Stress!

Für Millionen Menschen gehört dieses Gefühl zum Alltag. Und die jährlichen Krankenkassenanalysen zeigen, dass es fast jeden trifft: Rückenschmerzen und stressbedingte Belastungen sind die Hauptursachen für Fehltage im Beruf.

Die gute Nachricht: Sie müssen nicht Ihr komplettes Leben umkrempeln oder täglich stundenlang im Fitnessstudio schwitzen, um gegenzusteuern. Oft sind es winzige, schlaue Alltags-Gewohnheiten, die einen riesigen Unterschied für Körper und Geist machen. Legen Sie mit uns los:

1. Stellen Sie den 30-Minuten-Wecker

Stundenlange Starre ist das größte Gift für unseren Körper. Machen Sie es sich zur Gewohnheit, spätestens alle 30 Minuten kurz aufzustehen – stellen Sie sich dafür am besten einen unauffälligen Timer.

Eine Studie der Columbia University von 2023 belegt, dass bereits fünf Minuten leichtes Gehen nach jeder halben Stunde Sitzen ausreichen, um Blutzucker- und Blutdruckwerte signifikant zu senken – zwei der größten kardiometabolischen Risikofaktoren, die durch langes Sitzen entstehen.

2. Raus aus der „Sitz-Falle“

Stundenlanges Sitzen zwingt den Körper in eine unnatürliche Haltung: Die Hüftbeuger verkürzen sich, die Brustmuskulatur zieht sich zusammen und der obere Rücken wird rund. Wirken Sie dem aktiv entgegen, indem Sie Ihrem Körper genau die entgegengesetzte Bewegung gönnen. Eine simple Dehnung für den Hüftbeuger im Ausfallschritt und ein bewusster Brust-Stretch im Türrahmen wirken wie ein Reset für Ihre Haltung.

3. „Not-Aus-Knopf“ gegen Stress

Wenn das E-Mail-Postfach überquillt, ein wichtiges Meeting ansteht und der Druck steigt, reagiert unser Nervensystem mit einer Stressreaktion. Bei diesen autonom gesteuerten Prozessen haben wir kaum Möglichkeiten, bewusst zu regulieren. Die Atmung ist eine Ausnahme. Sie ist die einzige autonome Funktion, die wir bewusst modulieren können. Osteopathin und Heilpraktikerin Friederike Reumann erklärt, dass physiologisch betrachtet die Einatmung den Sympathikus aktiviert, der die Leistungsfähigkeit bei Stress und Gefahr steigert. Die Ausatmung wirkt auf den Vagusnerv und kann den Körper in kurzer Zeit über den Parasympathikus in einen Zustand der Ruhe und Erholung versetzen.

Und die bewusste Verlängerung der Ausatmung hat noch einen anderen Effekt: „Sie signalisiert dem Körper zusätzlich Sicherheit. Der Körper kann nur in diesem Sicherheitsmodus in die Ruhe und Regulation schalten“, so Reumann. Sie empfiehlt die „Ich atme ein, ich atme aus“-Technik als besonders einfache und effektive Atemübung für akute Stresssituationen:

4. Essen Sie gut für mehr Energie!

Bye-bye, Mittagstief! Schwere, fettige Kantinenkost zwingt den Körper, wertvolle Energie für die Verdauung aufzuwenden – Energie, die dann im Gehirn für Fokus und Konzentration fehlt. Die Folge ist das berüchtigte Leistungstief am Nachmittag. Die Lösung ist ein leichtes, und trotzdem sättigendes und nährstoffreiches Mittagessen. Der „Bowl-Baukasten“ ist hier ideal: eine Basis aus Gemüse oder Blattsalaten, eine Proteinquelle (Hähnchen, Kichererbsen, Feta), komplexe Kohlenhydrate (Quinoa, Süßkartoffel) und gesunde Fette (Avocado, Nüsse).

5. Zwischenmahlzeit für gute Nerven

In stressigen Phasen verlangt unser Gehirn nach schneller Energie – meist in Form von Zucker. Dieser lässt den Blutzucker jedoch Achterbahn fahren und verstärkt innere Unruhe. Greifen Sie stattdessen zu „Nervennahrung“. „Komplexe Kohlenhydrate liefern gleichmäßiger länger anhaltende Energie für das Nervensystem“, erklärt Friederike Reumann. „Gleichzeitig halten sie den Blutzuckerspiegel konstant und vermeiden Unterzuckerung – einer der gefährlichsten Stressverstärker.“

Ihr Tipp: Ein Porridge aus Haferflocken (komplexe Kohlenhydrate und B-Vitamine fürs Nervensystem), Walnüssen (gesunde Fette fürs Gehirn), Beeren (Vitamine und Mineralstoffe, die im Stress verloren gehen).

6. Schaffen Sie ein Feierabend-Ritual

Genauso wichtig wie die Arbeit ist die Fähigkeit, sie mental zu beenden. Wer die Arbeit gedanklich mit nach Hause nimmt, kann nicht regenerieren. Schaffen Sie ein klares Ritual, das dem Gehirn signalisiert: „Jetzt ist Schluss.“ Das kann das bewusste Zuklappen des Laptops oder ein kurzer Spaziergang um den Block sein.

Übrigens: Die Handlung selbst ist weniger wichtig als ihre Regelmäßigkeit. So lernt Ihr Körper mit der Zeit, dass jetzt die Phase der Erholung beginnt.

Friederike Reumann hat noch einen weiteren Tipp: „Wenn Sie abends einschlafen möchten und noch in diesem Grübelmodus sind, empfehle ich, ein Notizbuch am Bett zu haben, wo Sie ihre Gedanken aufschreiben und sie so symbolisch aus dem Kopf in das Heft übertragen.“ Dies gibt das Signal: „So, das ist jetzt weg, jetzt kann mein Kopf abschalten.“ Dann ist der Weg frei für die wohl wichtigste Stressabbau-Methode überhaupt: ausreichend guter und erholsamer Schlaf.

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