Walross Magnus in Schottland. © Cath Bain/Ocean Care
Rekordschwimmer Seidenhaie pendeln am längsten.
Monarchfalter wandern über Generationen. © Mauritius (2)
Küstenseeschwalben tanken mehr Sonnenlicht als alle anderen Lebewesen auf der Erde. © Oliver Borchert/Mauritius
Immer dem Regen hinterher: Hundertausende Gnus wandern von der Serengeti in Tansania bis Kenia. © Whitten/Mauritius
München/Konstanz – Egal ob winzig oder riesengroß, ob unter Wasser, auf der Erde oder in der Luft: Die Wanderlust macht vor keiner Spezies halt. Selbst Insekten wie Heuschrecken, Libellen oder Schmetterlinge ziehen weit umher, obwohl sie so zerbrechlich wirken. Millionen Monarchfalter flattern jeden Herbst aus Kanada 4500 Kilometer weit in die wärmeren Bergwälder in Zentralamerika. Erstaunlich: Während der Hinflug in einem Rutsch geschafft wird, findet die Rückreise über mehrere Generationen statt.
Der Prototyp eines wandernden Tieres ist für uns der Zugvogel, doch noch der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707–1778) nahm an, dass Vögel über den Winter auf den Grund von Seen auf Tauchstation gehen. Den Langstreckenrekord unter den Zugvögeln hält die Küstenseeschwalbe, die, so unglaublich es klingt, von der Arktis in die Antarktis zieht. Rund 90.000 Kilometer legt sie im Jahr zurück, dafür erlebt sie in jedem Jahr gleich zwei Sommer und tankt mehr Sonnenlicht als jedes andere Lebewesen auf der Erde.
Im Wasser unternehmen tropische Seidenhaie die längsten Wanderungen mit rund 28.000 Kilometern. Die Hochsee-Räuber sind zwischen den Galapagos-Inseln und Hawaii unterwegs. Buckelwale pendeln zwischen dem Äquator, als Liebesnest und zur Aufzucht der Jungen, und der Antarktis für die Nahrungssuche hin und her, jährlich bis zu 25.000 Kilometer. Die größten Gefahren sind die Fischerei, Kollisionen mit Schiffen sowie Lärm und Schadstoffbelastungen, so die Umweltorganisation WWF. Lederschildkröten legen rund 20.000 Kilometer im Jahr zurück. Sie orientieren sich am Erdmagnetfeld und bewegen sich zwischen kühlen, nahrungsreichen Ozeanen und tropischen Niststränden. Zu den Fischarten, die wandern, zählen insbesondere Lachse, die bis zu 10.000 Kilometer, viele davon gegen den Strom flussaufwärts, zu ihren Laichgründen zurückfinden.
Thunfische können bis zu 160 Kilometer am Tag schaffen. Der Rote Thun (Blauflossenthun) wandert aus dem Atlantik durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, um dort zu laichen. Von dort ziehen sie weiter in den kalten Norden bis nach Norwegen, um sich dort an Makrelen und Heringen sattzufressen.
Die 6000 Kilometer, die Landtiere wie Gabelbock oder Maultierhirsch zurücklegen, kommen dabei vergleichsweise schlecht weg. Allerdings sind solche Tiere oft in großen Gruppen unterwegs und sorgen für eindrucksvolle Naturschauspiele: Gnus verlassen gegen Ende der Regenzeit die trockenen Weiden in Tansania und ziehen Richtung Kenia. Rund 1,5 Millionen Tiere machen sich dann gleichzeitig auf den Weg. Auch Zebras wandern in großen Gruppen von bis zu 400.000 Tieren, wobei sie sich wie auch mehrere 100.000 Antilopen gerne den Gnus anschließen. Gnus sind Nomaden, die das Ökosystem der Serengeti perfekt nutzen. Über 3000 Kilometer legen sie jedes Jahr in der Savanne zurück, immer im Kreis und immer dem Regen und dem frischen Gras folgend. Davon profitiert das gesamte Ökosystem: Mehrere hundert Tonnen Dung täglich und das Abweiden des Grases lassen die Vegetation stärker wachsen.
Forscher wollen möglichst viele wandernde Arten mit Sendern ausstatten und das Internet der Tiere als Frühwarnsystem der Natur nutzen. Satelliten im Weltall empfangen die Daten von Miniatursendern, die an wild lebenden Tieren angebracht wurden. Das Projekt wird federführend von Professor Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Konstanz geleitet. Ziel ist es, möglichst viele Tiere weltweit mit winzigen Sendern auszustatten, die Daten an die Wissenschaftler senden. Martin Wikelski erklärt: „Es ist ein biologischer Schatz. Wenn wir das Verhalten der Tiere verstehen, können wir sehr viel mehr über unseren Planeten erfahren. Wir können über den kollektiven Sinn der Lebewesen die Welt verstehen.“
Die Wichtigkeit wandernder Arten für die verschiedenen Ökosysteme wird immer mehr erkannt. Doch 49 Prozent der wandernden Arten sind bedroht, 24 Prozent stehen nach einem UN-Report sogar vor dem Aussterben. Ende März endete eine Artenschutz-Konferenz in Brasilien mit einem starken Signal: 40 wandernde Arten bekommen mehr Schutz. Vor allem Haie wurden in die Konvention aufgenommen, angesichts des dramatischen Rückgangs hoffentlich nicht zu spät. „Listungen allein retten keine Tiere“, warnt auch die Biologin Mona Schweizer von der Münchner Artenschutzorganisation Pro Wildlife: „Entscheidend ist, dass Schutzmaßnahmen national verankert und konsequent durchgesetzt werden.“