Positiv im Alter: Das Glücksgeheimnis

von Redaktion

Ein neues Hobby: Malen oder Gartenarbeit kann helfen, im Alter psychisch stark zu bleiben. „Trauen Sie sich etwas zu“, rät unser Experte Dr. Kamyar Nowidi. © Smarterpix, NILS SCHWARZ

München – Wolfgang Grupp konnte glücklicherweise die Krankheit überwinden, doch immer mehr Menschen leiden unter Altersschwermut. Wie die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) mitteilte, stieg die Zahl der Patienten, bei denen im Alter von 60 bis 69 Jahren eine Depression diagnostiziert wurde, von 2011 bis 2021 um 27 Prozent. Bei den 70- bis 79-Jährigen wurde ein Plus von rund 14 Prozent registriert. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Zeit zum Nachdenken

„Die zweite Lebenshälfte fordert viele Menschen durch Sinnfragen oder Verluste heraus“, sagt Dr. Kamyar Nowidi, Münchner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychoanalyse und Traumatherapie. Werden diese Belastungen zu schwer, könne die psychische Gesundheit leiden. „Während die meisten im Alter zwischen 30 und 40 in der Rushhour des Lebens stecken, mit der beruflichen Karriere und der Familienplanung beschäftigt sind, hat man ab Mitte 60 plötzlich Zeit, über sich selbst nachzudenken“, erklärt der Experte. Es zählen nicht mehr die äußeren messbaren Leistungen. Ein Glücksgeheimnis hinter mentaler Stärke beschreibt Nowidi so: „In der zweiten Lebenshälfte geht es vor allem um die innere Integration: das eigene Leben mit all seinen Erfolgen, Enttäuschungen und Fehlern zu akzeptieren.“

Typische Belastungen

In seiner Schwabinger Praxis behandelt Nowidi oft ältere Münchner, die um Unterstützung in psychischen Krisen bitten. Typische Belastungssituationen – und was helfen kann, die eigene seelische Stabilität aufzubauen:

Frust in der Rente: „Wer sehr eingespannt im Beruf war, hat mit einem Mal viel freie Zeit in der Rente. Damit Sie nicht in ein Loch fallen, sollten Sie sich fragen: ‚Welche Chancen und Möglichkeiten bieten sich mir ohne meine berufliche Persona, mein Arbeits-Ich?‘“, sagt der Psychotherapeut. Man könne zum Beispiel seinen beruflichen Erfolg in einem Ehrenamt weitervermitteln. Oder ein Hobby wieder aufnehmen, für das nie Zeit war. „Eine Patientin, eine erfolgreiche Bauingenieurin, hat in der Rente angefangen zu malen und sagt: ‚Da bin ich ganz bei mir‘.“

Tod eines Partners/Vertrauten: „Viele Menschen sind mit einem unwiederbringlichen Verlust konfrontiert, wenn der Partner oder ein enger Freund stirbt“, sagt Dr. Nowidi. „Was tun, wenn man dieser Person auf einmal nicht mehr das sagen kann, was einem am Herzen liegt?“ In seinen Therapiestunden drehe sich viel um diese Art von Trauerarbeit. Wichtig sei, seinem Wunsch, etwas loszuwerden, nachzugeben. „Einer meiner Patienten hat etwa seinem Vater einen Abschiedsbrief geschrieben und auf den Sarg gelegt. Darin standen all die Worte, die er sich nie getraut hat, dem dominanten Vater zu sagen.“ Bei einem verstorbenen Freund rät er: „Führen Sie das Gespräch mit ihm innerlich weiter. Und versichern Sie sich, dass Ihre Freundschaft aus vielen Momenten bestand, nicht nur aus dem letzten, fehlenden Gespräch.“

Vermeintlich verpasste Chance: „Das kann eine berufliche Wende sein, die man nicht wahrgenommen hat, oder auch der Kinderwunsch, der nicht erfüllt wurde“, sagt der Facharzt, der lange an der psychiatrischen Universitätsklinik der LMU tätig war. „Statt sich selbst zu kritisieren und dadurch verbittert zu werden, versuchen Sie sich zu erinnern, warum Sie diese Möglichkeit nicht genutzt haben.“ Möglicherweise, so Nowidi weiter, habe man in dieser Phase nach Stabilität und Sicherheit gesucht – ein beruflicher Neuanfang wäre ein zu großes Risiko gewesen.

Probleme in der Beziehung: Auch in der Beziehung mit dem Partner gibt es Veränderungen, weil man plötzlich viel mehr Zeit miteinander verbringt als zuvor. Wie aber steht es um die Beziehung? „Gerade Männer befürchten oft, dass ihre Partnerin sie ohne den beruflichen Erfolg nicht mehr schätzt. Frauen hingegen erleben oft eine Phase der emotionalen Leere, wenn die Kinder ausziehen“, sagt Nowidi. „Überlegen Sie, wann Sie das letzte Mal über Gefühle gesprochen haben. Vielleicht hilft Ihnen diese Übung: Teilen Sie dem anderen dreimal am Tag mit, wie Sie sich fühlen. Der Partner lässt die Aussage stehen: Sie sollten nicht darüber diskutieren, sondern die Aussage nur zur Kenntnis nehmen. Erst am Abend sprechen Sie mit Ihrem Partner mit einem zeitlichen Abstand in aller Ruhe über das Gesagte.“

Mut zum Kurswechsel

Ein Tipp liegt dem Münchner Therapeuten noch am Herzen: „Fragen Sie sich: ,Was würde ich tun, wenn mein Alter keine Rolle spielen würde?‘“, sagt Dr. Nowidi. „Nutzen Sie Ihre heutige Reife, Ihre Lebenserfahrung als Basis, nicht als Grenze.“ Der Experte rät zum Mut für einen Kurswechsel. „Das muss keine Reise um die Welt sein! Sie könnten beispielsweise eine neue Sprache lernen, um geistig fit zu bleiben. Oder Sie kochen neue Rezepte, die Sie noch nie ausprobiert haben. Nehmen Sie sich Zeit für einen täglichen Spaziergang an der frischen Luft. Das hilft nicht nur gegen depressive Verstimmungen, es senkt auch das Demenz-Risiko.“

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