Handys und digitale Medien haben großen Einfluss auf Kinder. © dpa/Annette Riedl
400 Teddybären hat Sternstunden für ein Projekt in der ukrainischen Stadt Odessa gestiftet, wo die Theodor-Hellbrügge-Stiftung traumatisierten Kindern hilft. © Sternstunden/Carcedo
München/Würzburg – „Kinder sind eine Minderheit ohne Lobby“, sagt Prof. Marcel Romanos überspitzt. Er hat sein Leben der Mission gewidmet, das zu ändern. Der Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg betonte bei der Diskussionsrunde der Benefizaktion Sternstunden des BR am Dienstag in München, dass sich der Schulstress objektiv im Vergleich zu früher nicht geändert habe. „Aber vieles andere: Die Kinder heute stehen durch die sozialen Medien in einer hochintensiven sozialen Interaktion – etwas, das man früher so nicht kannte.“ Auch die Gefahren sind heute andere, warnte er: „Die Hälfte aller Mobbingerfahrungen machen die Kinder heute im digitalen Raum.“ Romanos nannte erschreckende Zahlen: „25 Prozent aller acht bis 18-Jährigen wurden per digitale Medien von einem Erwachsenen kontaktiert, den sie nicht kannten, und wurden von ihm aufgefordert, sich mit ihm außerhalb des Internets zu treffen oder ihm Bilder zu schicken.“ Die wenigsten Eltern wissen davon.
Was tun, wenn sich das Kind immer weniger mitteilt? Wenn eine Jugendliche aggressiv reagiert, ein Jugendlicher Hausaufgaben verweigert? Prof. Marcel Romanos, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Würzburg, gibt Tipps.
Woran erkenne ich, dass es professioneller Hilfe bedarf?
Jeder hat mal eine schwierige Situation. Schulwechsel, Stress in der Familie, Trennung der Eltern und Ähnliches stellen für Kinder eine Herausforderung dar. Aber Kinder haben Ressourcen und können es schaffen, diese Situationen hinzubekommen. Nicht jede Angst, die ein Kind zeigt, ist pathologisch, sondern Angst muss man auch manchmal haben, um sie dann auch überwinden zu können. Das sind Aufgaben, die zu einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung dazugehören.
Aber es kann Situationen geben, in denen Kinder krank werden und wirklich Belastungen entwickeln, die über das normale Maß hinausgehen. Die Frage ist immer: Gibt es Einschränkungen für das Kind, dass es seinen Alltag, seine Aufgaben, die Schule, den Freundeskreis, den Verein und Ähnliches nicht mehr schafft? Weiterhin ist auch Vermeidungsverhalten ein Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Werden zum Beispiel bestimmte soziale Situationen gemieden? Gehen die Kinder nicht mehr dahin, wo sie früher gerne waren? Oder vermeiden sie die Hausaufgaben und Dinge, die von ihnen Konzentration erfordern? Dann sollte man Hilfe suchen.
An welche Stellen können Eltern sich wenden?
Es gibt Anlaufstellen in gestufter Intensität. So gibt es zum Beispiel innerschulische Hilfen: Beratungslehrer, Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter. Mit diesen Stellen kann man sich zunächst austauschen und diskutieren, ob es ein Problem gibt und wie es zu bewerten ist.
Weiterhin gibt es beispielsweise die Erziehungsberatungsstellen. Dort kann man vergleichsweise schnell einen Termin bekommen, um eine Einschätzung zu erhalten: Ist das etwas, was man pädagogisch lösen kann, oder braucht es auch eine medizinische, psychotherapeutische Diagnostik? Oft kann das auch der Kinderarzt oder der Hausarzt einschätzen. Nicht bei jeder Problematik macht es Sinn, sofort zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie zu gehen.
Was können Eltern tun?
Grundsätzlich ist es wichtig, dass man versucht, die Perspektive des Kindes einzunehmen. Nachzuvollziehen, wie es für das Kind ist. Man sollte nicht versuchen, das Kind mit Vorwürfen zu regulieren. Sondern versuchen, gemeinsam Absprachen zu treffen, die alle unterstützen.
Wie begegnet man Aggression?
Aggression ist nicht akzeptabel. Hier muss man Grenzen setzen. Ein Beispiel: Ein Kind schlägt die Eltern. Ich habe erlebt, wie Eltern das mit sich geschehen lassen. Das darf nicht passieren. Das heißt nicht, dass Eltern selbst aggressiv werden dürfen, aber sie müssen klare Grenzen setzen und verbal klar zu verstehen geben: Stopp, nicht weiter. Notfalls auch mit Konsequenzen. Das große Problem ist, dass viele Eltern Konsequenzen androhen und niemals umsetzen. Man darf nur die Konsequenz androhen, die man tatsächlich auch umsetzt. Bestrafung ist aber immer nur das letzte Mittel.
Was sollte man vorziehen?
Grundsätzlich lernen Kinder besser durch positive Verstärkung als durch Bestrafung. Wenn sie also etwas in Aussicht gestellt bekommen, wenn sie etwas gut machen.
Wie hilft man einem depressiven oder verängstigten Kind?
Oft versuchen Eltern anzuschieben. Das funktioniert nicht. Und dann werden sie ungeduldig und laut. Das macht es für das Kind noch schlimmer – weil es sich selber Vorwürfe macht. Im Streit geht dann das Vertrauen verloren.
Stattdessen sollten Eltern die Resilienz ihres Kindes fördern. Indem sie etwa sagen: Ich verstehe, dass du da jetzt Angst hast, das nehme ich wahr. Aber ich glaube an dich, dass du das schaffst. Vielleicht nicht im ersten Schritt, aber überleg dir, was du dich traust. Und wenn du es nicht schaffst, auch dann bin ich für dich da, du bist nicht allein.
Welchen Fehler machen viele Eltern?
Viele Eltern beschweren sich, dass ihr Kind nichts erzählt. Sie sollten sich überlegen, ob sie ihrem Kind überhaupt etwas erzählen. Probieren Sie das aus, erzählen Sie Ihrem Kind etwas. Sie werden sehen, es kommt etwas zurück und das Kind erzählt etwas.