Glücksfall: Agnes Mehringer las in unserer Zeitung von der klinischen Studie. © M. Schlaf
Großer Auftritt im Blitzlichtgewitter: Michi Mehringer mit Prof. Bernhard Meyer (li.) und Prof. Simon Jacob. © H. Willmann
Europa-Premiere im OP: Prof. Bernhard Meyer (2. v. re.) implantiert eine Hirnschnittstelle. © TUM
München – Hinter vorgehaltener Hand lassen viele deutsche Top-Mediziner kein gutes Haar am Forschungsstandort Deutschland. Sie geißeln unter anderem schlechte Rahmenbedingungen für klinische Studien, angefangen beim restriktiven Datenschutz über lähmende Bürokratie bis hin zum chronischen Personalmangel. In China, USA oder Indien sei alles leichter, sogar das kleine Dänemark habe Deutschland abgehängt. In den Augen mancher Kritiker gibt es aber immerhin einen Lichtblick: die bayerische Staatsregierung. Für deren „Hightech Agenda“ – ein sechs Milliarden Euro schweres Innovationsförderpaket – gab es jetzt auf der hochkarätigen Konferenz „DLD Health X BAIOSPHERE“ viel Lob von Wissenschaftlern und Wirtschaftsvertretern. Kein Wunder, dass Ministerpräsident Dr. Markus Söder gerne persönlich vorbeischaute, um neben DLD-Pionier Professor Hubert Burda auch sich selbst gebührend zu feiern. Dafür gab es Beifall von vielen klugen Köpfen, darunter Physik-Nobelpreisträger Prof. Ferenc Krausz und LMU-Präsident Prof. Matthias Tschöp, der zu den Entwicklern der Abnehmspritze zählt.
„Wir setzen auf maximale Freiheit für die Forschung. Die beiden besten Unis der EU kommen aus München und bei Start-ups ist Bayern die Nummer 1 in Deutschland“, sagte Söder. Bei den wichtigen Zukunftstechnologien wolle Bayern nicht hinterherlaufen, sondern Schrittmacher sein. Das sei nicht nur aus Gründen der Gesundheitsförderung wichtig: „Technologie wird insgesamt über Wirtschaft und Wohlstand entscheiden.“ Er habe dies schon vor vielen Jahren erkannt, führte Söder gewohnt selbstbewusst aus, sei dafür aber oft belächelt worden. Heute gebe ihm unter anderem die von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz befeuerte Hightech-Entwicklung Recht.
Bei den Details assistierte Wissenschaftsminister Markus Blume seinem Chef – übrigens standesgemäß in geschliffenem Englisch: „KI hebt die Medizin auf ein neues Niveau. Jahrzehntelang ging es vor allem darum, Krankheiten zu behandeln – künftig werden wir sie immer häufiger vorhersagen und verhindern können. Sie beschleunigt die Entwicklung neuer Medikamente, verbessert Diagnosen und stärkt die personalisierte Medizin.“ Sein blumiges Fazit vor dem freundlich nickenden DLD-Auditorium: „Künstliche Intelligenz eröffnet Chancen, von denen frühere Generationen von Forschenden nur träumen konnten.“
Ein elektrisierendes Beispiel gab es im leicht überhitzten Münchner Literaturhaus live zu bestaunen: in Person von Michi Mehringer. Der 26-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim ist seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt, hat 56 Operationen hinter sich. Jetzt lernt Mehringer gerade, mit seinen Gedanken einen Roboterarm zu steuern. Von dem revolutionären Forschungsprojekt der Technischen Universität München (TUM) hatte seine Mutter Agnes in unserer Zeitung gelesen (siehe Kasten).
Das Fundament für die einzigartige Studie war eine spektakuläre OP im TUM Klinikum Rechts der Isar. Dabei setzte ein interdisziplinäreres Team um den Chef der Neurochirurgie, Professor Bernhard Meyer, und Neurotechnologie-Professor Simon Jacob dem Patienten eine Hirn-Computer-Schnittstelle ein – es war eine Europa-Premiere. Seitdem trainiert Michi zwei Mal pro Woche im Labor: Über einen Messkopf wird ein Computer an die Schnittstelle am Kopf angeschlossen. Das System extrahiert aus den übertragenen Daten Nervenzellaktivität. Diese Daten werden genutzt, um KI-Algorhythmen so zu trainieren, dass sie den Zusammenhang zwischen den neuronalen Signalen und der Bewegung, die Michi ausführen will, erkennen.
„Wir sind stolz, ihn begleiten zu dürfen“, sagt Meyer. Aber der Operateur, der zu den weltweit erfahrensten Hirnspezialisten gehört, stimmt auch nachdenkliche Töne an: „Technologien, die heute helfen, verlorene Fähigkeiten wiederherzustellen, werden morgen Fragen nach Erweiterung und Verbesserung des Menschen aufwerfen. Unter anderem folgende: Wer besitzt die Daten unseres Gehirns? Welche Regeln benötigen wir für eine Zukunft, in der Maschinen immer enger mit menschlichem Denken verbunden sind?“ Als Arzt gehe es ihm um Heilung, betont Meyer, aber als Türöffner für neue Technologien wie Computer-Hirn-Schnittstellen will der Mediziner eine Tatsache klar ansprechen: „Die Industrie investiert das Geld nicht nur, um Menschen zu heilen.“