„Mein Übergewicht kostete mich sehr viel an Lebensqualität“, sagt Christel Moll, Vorsitzende des Adipositasverbands. © svs
München – Sie werden belehrt und belächelt, angestarrt, als faul bezeichnet und nicht für voll genommen: Die Diskriminierung von Menschen mit starkem Übergewicht, in der Fachsprache Adipositas genannt, macht den Betroffenen sehr zu schaffen.
„Ich habe das sehr oft am eigenen Leib erfahren“, erzählt Christel Moll. Die 67-Jährige lebt seit ihrer Pubertät mit Adipositas. „Ich war immer ein wenig pummelig, und schon mit ungefähr 16 Jahren war meine Adipositas nicht mehr in den Griff zu bekommen“, erinnert sie sich.
Dass sie krank war, sagte ihr damals niemand – aber mit Ratschlägen, sie solle einfach weniger essen und sich mehr bewegen, wurde nicht gespart. In der Versicherung, bei der sie arbeitete, habe man sich für sie geschämt und sie im Büro versteckt. „Adipositas ist eine schleichende Erkrankung, die sich schrittweise verschlimmert“, sagt Moll. Mit 30 Jahren habe sie bei einer Körpergröße von 175 Zentimetern 150 Kilogramm gewogen. „Jede Bewegung schmerzte, der Blutdruck war stark erhöht, mein Kinderwunsch blieb unerfüllt“, zählt sie auf und fasst zusammen: „Die Krankheit hat mich enorm viel an Lebensqualität und -freude gekostet.“
Erst mit 40 Jahren habe sie einen guten Arzt gefunden, der sie ernst nahm und umfassend behandelte. „Ich bekam auch einen Magenbypass, die Operation bedeutete für mich eine enorme Erleichterung.“ Sie nahm ab auf 100 Kilogramm, liegt aber inzwischen wieder bei rund 110. „Adipositas ist eine chronische Erkrankung“, stellt sie klar.
Um ihr Wissen weiterzugeben, leitet sie den Adipositasverband Deutschland (Internet: www.adipositasverband.de). „Wir kämpfen dafür, dass Adipositas auch im Sozialgesetzbuch als Krankheit anerkannt wird“, sagt sie. Denn derzeit gebe es eine Zwei-Klassen-Medizin: „Ich leite eine Selbsthilfegruppe und es stößt mir übel auf, dass sich einige unserer Mitglieder beispielsweise die Abnehmspritze nicht leisten können.“SUSANNE SASSE