So steuert das Gehirn unseren Appetit

von Redaktion

Essen bringt Genuss, kann aber krank machen. Jeder zweite Erwachsene in Deutschland hat Übergewicht. © Smarterpix

Experten: Seniorprofessor Hans Hauner und seine Nachfolgerin Prof. Katharina Timper. © Susanne Sasse

Der kleine, grün markierte Bereich im Gehirn regelt unser Essverhalten, erklärt Prof. Katharina Timper, Direktorin der klinischen Ernährungsmedizin am TUM Klinikum. © Susanne Sasse

München – Es ist nur ein kleiner Gehirnbereich, der Hypothalamus. Aber nicht zu unterschätzen. In ihm sitzt ein wichtiger Teil unserer Schaltzentrale: Droht Gefahr, entscheidet der Hypothalamus in Sekundenbruchteilen über Kampf oder Flucht. Auch steuert diese Gehirnregion Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch: Der Hypothalamus reguliert den Appetit und gibt das Stoppsignal, wenn wir satt sind. Im Idealfall. „Bei Menschen mit Adipositas gibt es hier eine Fehlsteuerung, die sie zu übermäßigem Essen anregt“, sagt Prof. Katharina Timper.

Sie hat vor einem Jahr an der Technischen Universität München (TU) den Lehrstuhl für klinische Ernährungsmedizin übernommen und ist Sprecherin des Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin (EKFZ), das im Presseclub in Sachen Adipositasversorgung im Presseclub Alarm schlug. Timper stellte dort bei einem Expertengespräch klar: „Adipositas ist kein schwacher Wille!“ Im Gehirn von Adipositas-Betroffenen laufe dauerhaft etwas schief. Timper: „Unsere zentrale Schaltstelle wird zur Störstelle und lässt uns übermäßig essen.“

Zwei Drittel der Erwachsenen in Europa haben Übergewicht, zudem ein Drittel der Kinder. In Deutschland sind 60 Prozent der Männer und 40 Prozent der Frauen betroffen. „Das ist keineswegs ein kosmetisches Problem“, stellte Timper klar: „Das Fett lagert sich im Bauchraum und sogar in den Organen ab, sorgt für Entzündungen, verursacht schwere Folgeerkrankungen und raubt den Betroffenen bis zu zehn Lebensjahre!“

Die Ursachen von Adipositas sind vielfältig, erklärte Timper. „Doch sind 70 bis 80 Prozent der Fälle genetisch verursacht.“ Aber Vorsicht: Durch dauerhafte falsche Ernährung – zu viel Fett und Zucker, kaum Ballaststoffe – kann man sich krank essen, erklärte Timper. „Ist die Adipositas erst einmal da, dann verschwindet sie auch nicht wieder, sondern wird chronisch.“

Betroffene würden systematisch abgewertet und diskriminiert – auch im Gesundheitswesen, „dabei hat niemand freiwillig eine Adipositas“, so Timper. So würden sogar Ärzte beispielsweise Knieprobleme auch mal mit dem Satz kommentieren, die Patientin oder der Patient sei einfach zu dick. Die Folge sei ein massiver Vertrauensverlust ins Gesundheitssystem, warnte die Expertin und schlug Alarm: „Menschen gehen nicht mehr zum Arzt, obwohl sie aufgrund der Folgeerkrankungen dringend zum Arzt müssten.“

Nur 25 Prozent der von Adipositas Betroffenen nutzen organisierte Programme, warnte Hans Hauner, Seniorprofessor an der TUM und Vorgänger von Timper: „Viele gute und seriöse Angebote sind nicht bekannt, obwohl die Menschen ständig nach Hilfe suchen“, bedauerte der Experte angesichts der Ergebnisse einer durch das EKFZ veranlassten aktuellen Studie. Laut dieser informieren sich viele Menschen oft auch im Internet, und geraten dort an Falschinformationen und unseriöse Anbieter. Hauner: „Sie werden ausgenommen, das ist ein Milliardenmarkt.“

Gegenüber medizinischen Angeboten wie Medikamenten, Abnehmspritzen oder chirurgischen Eingriffen bestehe eine große Skepsis, so Hauner: „Die Hauptgründe sind mangelnde Informationen und die Tatsache, dass viele Angebote nicht von den Krankenkassen übernommen werden.“ So sei etwa Ernährungsberatung nur eine freiwillige Kassenleistung. „Deshalb sind staatliche Maßnahmen nötig“, forderte Hauner. Adipositas müsse gesetzlich als chronische Krankheit anerkannt werden – nur dann sei eine Übernahme der Kosten für die Abnehmspritze im Regelfall möglich. Da auf dem Markt viel in Bewegung ist, erwarten die Experten eine starke Kostensenkung bei der Abnehmspritze, die es bald auch in Tablettenform geben werde.

Die Kosten von Adipositas dagegen sind hoch: Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) geht davon aus, dass die direkten Gesundheitskosten pro Jahr in Deutschland bei 29 Milliarden Euro liegen – zum Großteil verursacht durch Folgeerkrankungen. Obendrauf kommen laut DAG 34 Milliarden indirekte Gesundheitskosten durch Erwerbsausfälle, Frühberentung und Ähnliches.

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