Wenn die Beine rebellieren

von Redaktion

Typisches Symptom: Patienten mit der Schaufensterkrankheit müssen immer wieder stehenbleiben. Es wirkt, als würden sie ein Schaufenster betrachten. © Foto: Klaus Haag

Nach seiner jüngsten Operation blickt Patient Josef S. wieder optimistisch nach vorn. Unterstützt wird er dabei von den Gefäßspezialisten Prof. Daniela Branzan und Dr. Bora Zeybek vom TUM Klinikum Rechts der Isar. © Foto: Kathtrin Czoppelt/TUM Klinikum

München – Als der Arzt zu Josef S. sagte: „Du gehst jetzt nicht nach Hause, ich rufe den Krankenwagen“, dachte der 70-jährige Münchner erst an einen schlechten Scherz. Doch der Mediziner meinte es ernst. Josef S. musste sofort ins Krankenhaus. In seinem Beingefäß war ein Aneurysma festgestellt worden. Es folgte die erste OP.

Begonnen hatte alles einige Monate zuvor – ausgerechnet beim Skifahren. „Ich hatte im Dezember 2002 Knieschmerzen und bin danach zu einem Orthopäden gegangen“, berichtet Rentner Josef S., der früher als Kfz-Mechaniker gearbeitet hat. Er bekam Spritzen ins Knie, doch die Beschwerden ließen nicht nach. Der Orthopäde schickte ihn weiter zum Gefäßspezialisten. Dort stellte sich heraus: Es war kein harmloses Knieproblem.

Heute weiß Josef S., dass seine Beschwerden Teil einer schweren Gefäßerkrankung sind: pAVK. Die Abkürzung steht für periphere arterielle Verschlusskrankheit. Den Begriff kannte er damals nicht. „Bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit handelt es sich um eine Durchblutungsstörung der Extremitäten, meist der Beine“, erklärt Prof. Daniela Branzan, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Vaskuläre und Endovaskuläre Chirurgie am TUM Klinikum Rechts der Isar. Ursache sind Verengungen und Verschlüsse der Becken- und Beinarterien. Das Gewebe wird dann nicht mehr ausreichend mit sauerstoffhaltigem Blut versorgt (siehe Artikel unten).

Im Alltag spüren Betroffene das oft beim Gehen. „Mittlerweile habe ich krampfartige Schmerzen nach 50 Metern Gehstrecke“, sagt Josef S. „Das fühlt sich an wie ein schlimmer Wadenkrampf.“ Seit Oktober 2025 waren die Beschwerden besonders stark. „Ich habe trotzdem versucht, mich zu bewegen und bin auch über die Schmerzgrenze hinausgegangen“, erzählt er. Auf einer Schmerzskala von eins bis zehn habe er bei Bewegung oft bei neun gelegen. Einkaufen ging noch einigermaßen: „Ich konnte mich am Einkaufswagen festhalten und von Regal zu Regal laufen und zwischendurch immer wieder stehen bleiben. Dadurch ist der Schmerz immer kurz verschwunden.“

Genau dieses Verhalten gab der Erkrankung ihren Namen. Prof. Branzan erklärt: „Bei Belastung brauchen Muskeln mehr Sauerstoff und Nährstoffe. Sind die Gefäße verengt oder verschlossen, kann dieser Bedarf nicht mehr gedeckt werden. Es kommt zu einer Mangeldurchblutung. Die Betroffenen leiden unter krampfartigen Schmerzen und müssen stehen bleiben. In Ruhe verschwinden die Beschwerden oft wieder.“

Das Tückische: pAVK wird häufig spät erkannt. „In den frühen Stadien verursacht die Krankheit oft keine Beschwerden“, erklärt Prof. Branzan. Erste Anzeichen werden häufig als altersbedingte Muskel- oder Gelenkprobleme fehlinterpretiert. „Eine häufige Fehlannahme unter Patienten ist, dass pAVK lediglich eine Durchblutungsstörung der Beine sei“, sagt die Gefäßexpertin. Tatsächlich handle es sich um eine systemische Gefäßerkrankung, die den ganzen Körper betreffen kann. Wer Veränderungen an den Beinarterien hat, hat oft auch ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Unbehandelt kann pAVK gefährlich werden. Wunden an Füßen oder Unterschenkeln heilen schlecht oder gar nicht. Wenn gar keine ausreichende Durchblutung mehr stattfindet, stirbt Gewebe ab. Dann drohen dunkle Verfärbungen – und im schlimmsten Fall eine Amputation.

Josef S. hat seinen Weg gefunden. Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol, achtet auf seine Ernährung, nimmt alle Kontrolltermine wahr und hält sich an seinen Medikationsplan. Angst hat er trotz allem nie gehabt. „Ich habe großes Vertrauen in die Ärzte“, sagt Josef S. Heute, nach seiner siebten Operation, blickt er optimistisch nach vorn: „Es geht mir sehr gut. Ich freue mich, dass meine Wunde gut heilt und dass ich bald entlassen werden kann.“ Für ihn ist die pAVK längst ein ständiger Begleiter. Aber keiner, dem er sich geschlagen gibt. Auch wenn nach 50 Metern der Schmerz kommt.

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