Dr. Johannes Plath analysiert die Bilder der beiden Schulterprothesen. © Achim Schmidt
Funktionstest beim Kontrolltermin im Orthopädischen Fachzentrum Weilheim: Dr. Johannes Plath untersucht die neue Schulter seines Patienten Franz Weishäupl. © Achim Schmidt
Weilheim/Oberammergau – Schulterprothesen werden zwar noch immer seltener eingesetzt als künstliche Hüften und Knie, aber die Zahl der Eingriffe wächst rasant. Das hängt vor allem mit den großen Fortschritten bei einem bestimmten Implantattyp zusammen: der inversen Prothese. „Dabei wird das natürliche Gelenkprinzip umgekehrt. An Stelle des kugelförmigen Oberarmkopfes wird eine Pfanne gesetzt und an der Pfanne eine Halbkugel befestigt“, erklärt Dr. Johannes Plath. Der Schulterspezialist des Orthopädischen Fachzentrums Weilheim (OFZ) setzt inzwischen bei etwa 80 bis 85 Prozent seiner Gelenkersatz-Patienten inverse Prothesen ein. Der entscheidende Hintergrund: Inverse Prothesen funktionieren auch bei schweren Schäden an der Rotatorenmanschette gut – so nennt man die Sehnen- bzw. Muskelgruppe, die die Schulter stabilisieren soll. Durch den veränderten Aufbau des Gelenks kann der fast immer intakte Deltamuskel diese Funktion übernehmen.
Die inverse Prothese ist eine gute Lösung für die meisten Schulterpatienten, die gleichzeitig an schwerer Arthrose (Gelenkverschleiß) und Sehnenschäden leiden. So wie Franz Weishäupl. Der 71-Jährige benötigte gleich zwei Prothesen. Die Ursachen für seine Probleme liegen schon Jahrzehnte zurück. „Die eine Schulter habe ich mir bei einem Motorradunfall lädiert, die andere bei einem Sturz beim Inlineskaten ausgerenkt. Dabei sind Sehnen beschädigt worden“, erzählt der frühere Vertriebs-Profi aus Böbing im Landkreis Weilheim-Schongau. Auf beiden Seiten nahm das Gelenk dauerhaft Schaden. „Im Laufe der Jahre sind die Schmerzen immer schlimmer geworden. Zuletzt konnte ich meinen linken Arm kaum noch vernünftig anheben. Beim Autofahren habe ich die Hand fast nicht mehr an den Blinker gebracht.“ Auch sein großes Hobby litt: das Akkordeonspielen bei der Musikkapelle Ohlstadt. Als die Schmerzen in beiden Schultern ohne Tabletten nicht mehr auszuhalten waren, entschied sich Weishäupl für die erste OP – und ein halbes Jahr später für die zweite. „Ich war wirklich überrascht, wie schnell meine beiden Schultern wieder fit geworden sind.“
Der Schlüssel dazu: ein modernes Behandlungskonzept im Sinne der sogenannten Fast-Track-Chirurgie, das sein Operateur Plath in Zusammenarbeit mit den Schmerztherapie- und Reha-Spezialisten der Waldburg-Zeil-Klinik in Oberammergau umsetzt. Die guten Rahmenbedingungen nutzen neben Plath auch andere erfahrene Experten, um Schulterprothesen einzusetzen, insbesondere bei Rheuma-Patienten. Das Oberammergauer Konzept zielt darauf ab, den Heilungsprozess nach der OP zu beschleunigen. Dazu gehören verschiedene Erfolgsfaktoren:
Die Prothesen-Planung: Der Eingriff wird am PC geplant. „Anhand von Computertomographie-Aufnahmen (CT) lässt sich die optimale Position für das künstliche Gelenk millimetergenau berechnen. Wir können auch simulieren, wie sich die Schulter hinterher bewegen lässt“, erklärt Plath.
Die Operation: Sie erfolgt ohne Vollnarkose und stattdessen in Regionalanästhesie-Verfahren. Das bedeutet: „Wir betäuben den Nervenstrang, der die Schulter versorgt. Das kann man sich vorstellen wie beim Zahnarzt: Wir spritzen ein lokales Betäubungsmittel an den Nerv. Dadurch wird die Schmerzweiterleitung ans Gehirn unterbrochen. Zudem erhalten die Patienten noch ein leichtes Schlafmittel. Sie atmen selbstständig, bekommen aber von dem Eingriff nichts mit – ähnlich wie bei einer Darmspiegelung“, erläutert Dr. Anja Heuckeroth, Chefärztin für Anästhesie und Schmerztherapie. „Das Komplikationsrisiko ist extrem gering.“
Die Schmerztherapie: Mithilfe eines Ultraschallgeräts legen Heuckeroth und ihr Team einen Schmerzkatheter sehr sicher direkt an den Schulter-Nerv. „Dadurch können wir auch in den ersten Tagen nach der OP immer wieder Betäubungsmittel nachspritzen und den Schmerz sehr effektiv ausschalten – ohne Nebenwirkungen“, so Heuckeroth. Auf dieses Verfahren sind die Profis in Oberammergau seit vielen Jahren spezialisiert. Dank dieses schonenden Verfahrens können selbst hochbetagte Patienten in der Regel nach der OP sehr schnell auf die Normalstation verlegt werden.
Die Reha: Inverse Prothesen haben den Vorteil, dass die Nachbehandlung schnell beginnen kann. Die Patienten starten bereits zwei Tage nach der OP ein Bewegungsprogramm. In Oberammergau befindet sich die Klinik, in der operiert wird, direkt neben der Reha-Klinik. „Wir setzen auf eine frühe Mobilisation der Schulter und einen Einstieg ins Reha-Training. Dazu arbeiten wir unter anderem mit Seilzügen“, erklärt Paul Hertam, Gesamtleiter Therapie. „Der Patient wird bereits vor der OP gut aufgeklärt, worauf es beim Training nach dem Eingriff ankommt. Er übt dann gezielt, seine Schulter möglichst schnell wieder zu bewegen, und vermeidet dadurch unter anderem eine Versteifung des Gelenks. Dadurch erreichen wir, dass der Patient möglichst schnell im Alltag wieder gut zurechtkommt.“ Operateur Plath flankiert das Training mit regelmäßigen Visiten. „Nach drei Monaten darf der Patient in der Regel alles mit seiner künstlichen Schulter machen.“