Die Blutkrebs-Waffe aus München

von Redaktion

So wirkt das Medikament: Es verbindet die Krebszellen mit Immunzellen, die dann den Krebs vernichten.

Diese Pumpe versorgt den Körper von Patient Daniel Möller mit dem Immuntherapie-Medikament.

Hoffnung auf Krebsfreiheit: Prof. Marion Subklewe füllt bei Leukämiepatient Daniel Möller das Medikament nach. Er erhält es durch eine mobile Pumpe – und konnte so während der Behandlung sogar heiraten. © A. Schmidhuber (3)

München – Stolz zeigt Daniel Möller seinen Ehering. Vor ein paar Tagen hat er seine Kathleen geheiratet. Mitten in der Krebstherapie. Im Ruhrgebiet, wo er herkommt. „Wir haben das durchgezogen, trotz Krebs, trotz 35 Grad im Schatten“, erzählt der Logistikexperte, der in München bei einer großen Firma arbeitet. Die Hochzeit war lange geplant – nur hat sie jetzt in kleinerem Kreis stattgefunden. Das große Fest wollen Daniel und seine Frau später nachholen.

Hochzeit während der Immuntherapie

Stolz zeigt Daniel Möller seinen Ehering. Vor ein paar Tagen hat er seine Kathleen geheiratet. Mitten in der Krebstherapie. Im Ruhrgebiet, wo er herkommt. „Wir haben das durchgezogen, trotz Krebs, trotz 35 Grad im Schatten“, erzählt der Logistikexperte, der in München bei einer großen Firma arbeitet. Die Hochzeit war lange geplant – nur hat sie jetzt in kleinerem Kreis stattgefunden. Das große Fest wollen Daniel und seine Frau nachholen.

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob der 32-Jährige den Kampf gegen den Blutkrebs tatsächlich gewonnen hat. Hierfür geht er jeden Tag 10.000 Schritte. Alles sieht gut aus. Ganz anders als zu Jahresbeginn. „Als ich mich im Januar außergewöhnlich erschöpft fühlte, schob ich das auf die Dunkelheit und den Stress vor Weihnachten“, erzählt er. Sogar eine Dienstreise nach Indien machte er noch. Als er wieder zu Hause war und 40 Grad Fieber bekam, ging er zum Arzt. Zunächst gab es den Verdacht auf Malaria. Doch noch am selben Abend schickte der Arzt Daniel direkt in die Notaufnahme nach Großhadern. „Die Blutwerte waren völlig aus dem Ruder, die weißen Blutkörperchen um das 15-Fache erhöht.“

Die Diagnose: akute lymphatische Leukämie (ALL). Bei dieser Blutkrebsart geht es beängstigend schnell: Binnen weniger Tage bis Wochen verdrängen unreife weiße Blutkörperchen die gesunden Blutzellen. Die Betroffenen bekommen Blutarmut, sind extrem anfällig für Infekte, neigen zu Zahnfleisch- oder Nasenbluten und haben oft auch geschwollene Lymphknoten und Gelenkschmerzen. Bei Daniel Möller starteten die Ärzte im LMU-Klinikum gleich mit einer Chemotherapie. „Ich war bis kurz nach Ostern in der Klinik“, erzählt Daniel Möller.

Nach einer kurzen Pause, um dem Körper Zeit zur Regeneration zu geben, begann der zweite Teil der Therapie, eine Immuntherapie. „Mit dieser wollen wir bewirken, dass das körpereigene Immunsystem des Patienten gezielt nach möglichen, noch verbliebenen Krebszellen sucht und diese vernichtet“, erklärt Prof. Marion Subklewe. Sie leitet das neu gegründete Zentrum für Zell- und Gentherapie am LMU-Klinikum. Das von ihr verwendete Medikament Blinatumomab ist eine Münchner Erfindung: Es wurde maßgeblich mitentwickelt vom renommierten Immunologen Prof. Gert Riethmüller, der vor drei Jahren starb.

„Diese Art von Medikamenten nennt man T-Zellen-rekrutierenden Antikörper“, sagt Subklewe, eine führende Forscherin auf dem Gebiet der zellulären Immuntherapien. Die Wirkweise: „Das sind Antikörper, die mit dem einen Arm die Tumorzelle greifen und mit dem anderen Arm die T-Zelle, also eine Immunzelle, und beide Zellen so nahe aneinanderbringen, dass dies zur Vernichtung der Leukämiezellen führt.“ Über vier Wochen hat Daniel Möller eine durchgehende Infusion mit Blinatumab bekommen.

Die Chemotherapie hat die Zahl der Krebszellen in seinem Blut bereits deutlich verringert. Das macht die Arbeit für das anschließende Immuntherapie-Medikament deutlich leichter: Es muss nur noch wenige übrig gebliebene Krebszellen aufspüren und bekämpfen – nicht Millionen von Tumorzellen auf einmal. Das hat zwei Vorteile: Die Nebenwirkungen sind deutlich geringer. Und eine Therapie wirkt besser, weil die körpereigenen Abwehrzellen nicht so schnell erschöpft werden.

Den optimalen Zeitpunkt, in dem ein Medikament am besten wirkt, können die Forscher immer besser bestimmen. Ebenso testen sie in Studien in Großhadern Varianten eines Medikaments in anderen Gebieten, erläutert Subklewe. So wirkt das Prinzip des gegen ALL entwickelten Medikaments etwa auch bei kleinzelligem Lungenkrebs. Subklewe erforscht es bei einer anderen Leukämie-Variante namens AML.

Dass die Medizin das Immunsystem immer besser gezielt so anregen kann, dass es den jeweiligen Krebs bekämpft, ist ein unglaublicher Fortschritt, sagt Prof. Subklewe. „Wir analysieren die Krebszellen und sehen anhand der genetischen Marker ihre Schwachstellen“, erklärt sie. So gibt es nicht mehr eine Strategie für alle. „Heute arbeitet die Krebstherapie differenziert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip mit individuellen Behandlungen.“ Jedes Jahr erkranken rund 13.500 Menschen in Deutschland an Leukämie. Rechnet man verwandte Erkrankungen wie Lymphome hinzu, gibt es jährlich etwa 40.000 Blutkrebserkrankungen. Subklewe macht den Patienten Hoffnung: „Es tut sich unglaublich viel, gerade ist zum Beispiel eine reine Tablettentherapie für ältere Blutkrebspatienten zugelassen worden.“ Ihr Rat an Patienten: Sich kompetent beraten lassen und auch offen sein für Studien an einem Uniklinikum: „Dann können sie von neuesten Forschungserkenntnissen profitieren.“

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