Die Zwergscharben sind der neueste Gast am Ismaninger Speichersee. © Decout/Imago
Die Angerlohe ist ein Naturparadies, z. B. für den Idas-Bläuling (rundes Bild). © Marcus Schlaf
Hände weg von der Natur! Der Bund Naturschutz in München protestiert gegen die EU-Pläne. Hintere Reihe links: Vogelexperte Manfred Siering, vierter von links: Hans Greßirer, stellvertretender Vorsitzender. © Lena Grami
München – Dieses Vorhaben macht den Naturschutzverbänden Angst: Die EU-Kommission führt einen Stresstest in allen Schutzgebieten durch, die den europäischen FFH- und Vogelschutzrichtlinien unterstehen. In München gibt es 13 Flora-Fauna-Habitat-Areale und mit dem Ismaninger Speichersee ein einzigartiges Vogelschutzgebiet. Es sind Paradiese für Tiere und Pflanzen, wertvolle Rückzugsorte für seltene Arten sowie Ruheorte für Stadtmenschen. Werden bestehende Gesetze aufgeweicht, sind diese Naturjuwelen in Gefahr!
„Hände weg von der Natur“, fordert der Bund Naturschutz in München mit einer aktuellen Plakataktion: „Wenn unsere Natur zerstört wird, trifft das nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern uns alle: heute, morgen und kommende Generationen“, warnt Hans Greßirer, 1. stellvertretender Vorsitzender des BN München. Er sorgt sich um so wertvolle Gebiete wie das Obere Isartal, die Allacher Lohe und den Ismaninger Speichersee. Die EU-Kommission möchte die Naturschutzgesetze vereinfachen und Bürokratie abbauen, damit z. B. Bauprojekte schneller realisiert werden. Doch gerade die seit Jahrzehnten bestehenden Regelungen haben dazu beigetragen, dass Pflanzen und Tiere sich in Schutzgebieten entfalten konnten. Besonders wirksam hat sich das sogenannte Verschlechterungsverbot erwiesen – werden die Bedingungen im Schutzgebiet schlechter, müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Hans Greßirer erläutert: „Das Obere Isartal war immer wieder bedroht. Momentan führen wilde Mountainbike-Trails abseits der Wege zu einer ökologischen Verschlechterung des Naturraums. Bedrohte Arten wie Kreuzottern, Schling- und Ringelnattern, Zaun- und Waldeidechsen, Gras- und Springfrösche, Erdkröten oder nicht flügge Bodenbrüter werden von den Bikern versehentlich überfahren oder in ihren Rückzugsorten gestört.“ Nur der hohe Schutz der EU-Regeln habe dafür gesorgt, dass die verschiedenen Interessensgruppen gemeinsam eine Lösung erarbeitet haben. Ein Mountainbike-Trail wird angelegt, aber auch Schutzzonen sowie Sonnen- und Versteckplätze für Amphibien und Reptilien, damit sie nicht totgefahren werden.
Außergewöhnliche Bedeutung für die Münchner Natur haben auch der Ismaninger Speichersee und die angrenzenden Teichgebiete, die bereits in den 1970er-Jahren als „Important Bird Area“ (IBA) benannt wurden. Manfred Siering, Vorstandsmitglied beim BN München und ausgewiesener Vogelexperte, erklärt: „In seiner knapp 100 Jahre langen Existenzzeit konnten in diesem wertvollen Gebiet knapp 400 Vogelarten registriert werden, als jüngste neue Brutvogelarten sind Seidenreiher und Zwergscharbe zu nennen.“
Der Ismaninger Speichersee und die angrenzenden Teiche zählten zudem „mit insgesamt 7 km² Fläche zu den wichtigsten Mauser-, Brut- und Rastgebieten in der gesamten Westpaläarktis“. Auch dieses Gebiet war in der Vergangenheit immer wieder verschiedensten Gefährdungen ausgesetzt. Mithilfe der Vogelschutzrichtlinien hätten diese bislang abgewendet werden können. „Als zur Vermeidung von Versickerungsverlusten die ehemaligen Karpfenteiche dauerhaft stillgelegt werden sollten, konnten wir erreichen, dass der Bayerische Naturschutzfonds eine jährliche Ausgleichszahlung vornimmt“, so Manfred Siering.
Die Angerlohe mit den uralten Eichen und Hainbuchen und den Heideflächen ist ebenfalls ein wahrer Naturschatz Münchens und ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Hans Greßirer gerät richtig ins Schwärmen: „Im Lohwald sehen wir den Mittelspecht, denn er liebt lichte Wälder mit großen Eichen und Totholz. In der nördlich vorgelagerten Heidefläche finden wir die Dorngrasmücke oder den seltenen Idas-Bläuling.“ Der Klimawandel macht dem Wald besonders zu schaffen, daher seien alle Prognosen mit Vorsicht zu genießen. Hans Greßirer: „Welche Baumarten standhalten und welche nicht, ist heute nicht zu sagen.“
Werden die EU-Gesetze zugunsten von wirtschaftlichen Interessen aufgeweicht, gerät die Umwelt noch stärker unter Druck. Daher fordern die Umweltschützer die Politik energisch dazu auf, die „bestehenden Naturschutzgesetze und Richtlinien zu verteidigen und umzusetzen, statt sie auszuhöhlen!“S. STOCKMANN