Doppel-OP nach Bandscheibenvorfall

von Redaktion

Erfahrener Wirbelsäulen-Spezialist erklärt, wann Patienten wirklich unters Messer müssen

Bandscheibengewebe tritt aus. © Foto: Science Source

Volkskrankheit Bandscheibenvorfall: Neurochirurg Dr. Matthias Schröder (links) erklärt seinem Patienten Peter Barton die Diagnosebilder. Barton wurde an der Lenden (LWS)- und an der Halswirbelsäule (HWS) erfolgreich operiert. © Foto: A. Beez

München – Ein Bandscheibenvorfall heilt meist ohne OP. Es gibt aber auch Fälle, in denen der Patient unters Messer muss: wenn Lähmungen auftreten und bleibende Nervenschäden drohen. Genau dies hat Peter Barton erlebt – auch noch doppelt an der Lenden- und an der Halswirbelsäule. In unserer Zeitung erzählt der Patient, wie er wieder auf die Beine kam. Sein Operateur Dr. Matthias Schröder erklärt die medizinischen Hintergründe.

Er hatte schon länger Ischias-Probleme, versuchte, die Schmerzen mit Wärmesalbe zu lindern. Doch im Andalusien-Urlaub eskalierten seine Beschwerden: „Ich bekam große Probleme. Beim Radfahren schwächelte meine Wade. Plötzlich fühlte sich mein Fuß wie gelähmt an, ich konnte nicht einmal mehr die Zehen anziehen. Da habe ich wirklich Bammel bekommen“, erinnert sich Peter Barton.

Auslöser war ein Bandscheibenvorfall, genauer gesagt ein L5-Kompressionssyndrom. „Dabei wird die fünfte Nervenwurzel gequetscht. In diesem Bereich entspringt der Ischiasnerv. Er verläuft vom unteren Rücken durchs Gesäß bis hinunter in die Füße. Ein Bandscheibenvorfall an dieser Stelle gilt als Klassiker, von dem besonders viele Patienten betroffen sind“, weiß Dr. Matthias Schröder. Der erfahrene Münchner Neurochirurg hat sich auf Operationen an der Wirbelsäule spezialisiert und in den vergangenen 22 Jahren bereits circa 20.000 solcher Eingriffe vorgenommen.

Bei reinen Bandscheibenvorfällen wird fast ausschließlich mikrochirurgisch operiert – also mit kleinen Zugängen und Schnitten, um das Gewebe so gut wie möglich zu schonen und eine rasche Erholung zu ermöglichen. Das gelang auch bei seinem Patienten Barton: Der Operateur konnte das ausgetretene Bandscheibengewebe entfernen und die bedrängte Nervenwurzel so entlasten. Das war wichtig: Denn Nervengewebe kann zwar hohe Zugkräfte aushalten, gilt aber als sehr druckempfindlich. Die große Gefahr dabei: Nerven erholen sich – wenn überhaupt – nur sehr langsam. So kann unter anderem eine Fußheberschwäche bestehen bleiben. „Dann hinkt der Patient möglicherweise sein Leben lang“, erläutert Schröder.

Trotzdem müsse kein Patient mit einem Bandscheibenvorfall in Panik verfallen, betont der Neurochirurg. „Ob eine OP nötig ist, entscheidet man nicht aus dem Bauch heraus. Diese Entscheidung trifft man objektiv nach den Vorgaben der Leitlinien unserer medizinischen Fachgesellschaften.“ Diese goldenen Regeln liefern den Ärzten mit Blick auf Bandscheibenvorfälle klare Vorgaben: Bei Rückenschmerzen ohne neurologische Ausfälle ist demnach keine OP nötig, meistens bessern sich die Beschwerden nach etwa sechs Wochen deutlich. Auch ein leichtes Kribbeln oder Taubheitsgefühl ist noch kein Grund zu übertriebener Sorge. Operiert werden sollte in erster Linie dann, wenn ausgeprägte Lähmungserscheinungen auftreten. „Das entscheidende Kriterium ist der Kraftverlust in der Muskulatur, die von einer bedrängten Nervenwurzel versorgt wird. „Wenn man zum Beispiel den Fuß nicht mehr anheben kann wie Herr Barton, nicht mehr auf den Zehenspitzen oder auf den Hacken stehen kann, dann besteht Handlungsbedarf.“

Besonders brenzlig wird es, wenn die Blase oder der Darm infolge eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr richtig funktionieren. Experten sprechen dann von einem Cauda-Equina-Syndrom. „Das ist ein medizinischer Notfall, bei dem die Nervenwurzeln am unteren Ende des Rückenmarks stark komprimiert werden. In solchen Fällen ist es höchste Eisenbahn, dann sollte möglichst noch am selben Tag operiert werden“, erklärt Schröder.

Neurologische Ausfälle können auch von Bandscheibenvorfällen an der Halswirbelsäule ausgehen – etwa, wenn sich die Finger nicht mehr uneingeschränkt bewegen lassen oder die Kraft in der Armmuskulatur schwindet. Auch diese Erfahrung hat Barton gemacht, bei ihm war die Nervenwurzel des siebten Halswirbels betroffen. Er musste erneut unters Messer. Nach beiden Operationen sowohl an der LWS als auch an der HWS erholte sich der Patient schnell. „Ich konnte sofort wieder meine Fußzehen anziehen und auch die Beschwerden in meinem Arm und meinen Fingern besserten sich rasch.“ Barton war erleichtert – gerade der Eingriff an der Halswirbelsäule hatte ihm zuvor die eine oder andere schlaflose Nacht beschert. „Ich hatte schon ein bisschen Angst davor, im Internet findet man einige Horrorgeschichten, was bei der OP alles schiefgehen kann.“ Aber Fakt ist: Die Komplikationsrate bei Bandscheiben-Operationen gilt als äußerst gering, auch an der Halswirbelsäule. „Sie liegt bei weit unter einem Prozent“, weiß Dr. Schröder. Und sein Patient Barton sagt: „Ich bin froh, dass ich mich dazu durchgerungen habe. Es hat sich gelohnt.“ANDREAS BEEZ

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