Die Messe München (hier der Eingang West) wird zum internationalen Treffpunkt der Wissenschaft. © Achim Schmidt
Schonender Eingriff mit Kathetertechnik im TUM Klinikum: Privatdozent Dr. Hendrik Ruge und sein OP-Team setzen eine künstliche Mitralklappe ein. © TUM Klinikum, G. Basic
München – Prof. Thomas F. Lüscher ist einer der weltweit renommiertesten Schweizer Kardiologen und Wissenschaftler, war langjähriger Klinikdirektor der Kardiologie des Universitätsspitals Zürich, Director of Research, Education & Development am Royal Brompton Hospital in London und leitet seit 2024 die Europäische Gesellschaft für Kardiologie.
Wo liegt der Schwerpunkt des diesjährigen ESC?
Das Schwerpunktthema lautet „Spotlight on Artificial Intelligence“, also Künstliche Intelligenz in der Kardiologie. Wir sprechen über den Einsatz von KI bei der Diagnose, Therapie und im Klinikalltag. Denn es wird künftig eine neue Art von Medizin geben, bei der die KI als Co-Pilot assistiert.
Wo sehen Sie die Vorteile?
Die Medizin wird integrativer und präziser. Die KI kann beispielsweise ein EKG oder ein Kardio-CT in Sekundenschnelle bewerten, viel schneller als jeder Kardiologe. Natürlich muss der Arzt den Befund kritisch hinterfragen. Aber im besten Fall bleibt dem Kardiologen durch die KI mehr Zeit für den Patienten.
Welche Risiken gibt es?
Natürlich gibt es die Gefahr des Deskilling, dass Mediziner Kompetenzen verlieren, weil sie sich auf einen Algorithmus verlassen. Dazu besteht auch die Gefahr, dass in der Ausbildung nicht mehr ausreichend trainiert wird, EKGs und die Bildgebung richtig einzuordnen. Die Rolle des Arztes verschiebt sich, er muss die KI-Ergebnisse in den Gesamtkontext einordnen. Somit sichert erst das kritische Denken und die Expertise des Mediziners die Patientensicherheit.
Wie kann die KI zu mehr Patientensicherheit beitragen?
Nimmt ein Patient fünf oder mehr verschiedene Medikamente, sprechen wir von Polypharmazie. Jedes Medikament hat eine unterschiedliche Wirkung im Körper. Wie diese Mittel untereinander interagieren, ist hochkomplex. Aber die KI kann sofort Warnungen aussprechen, damit der Arzt entsprechend handeln kann.
Auch über neue Medikamente wird beim ESC berichtet…
Richtig, eine neue Klasse sind die genetischen Medikamente, von denen es immer mehr gibt. Sie bekämpfen nicht nur die Symptome, sondern setzen direkt an den genetischen Ursachen im Erbgut an. Zum Beispiel bei der Amyloidose, dem „Steifen-Herz-Syndrom“. Hier produziert der Körper fehlerhaft gefaltete, unlösliche Eiweiße, die sich zwischen den Herzmuskelzellen ablagern. Die neuen RNA-Medikamente greifen direkt in die Produktion des Proteins ein und verbessern dadurch die Herzfunktion.
Ist das die Zukunft der Medizin?
Ich denke schon. Denn noch können wir viele Krankheiten nur behandeln – besser aber wäre es doch, man würde gar nicht erst erkranken. Wir verlängern das Leben von Herzpatienten, trotzdem sterben viele später dennoch an einem Herzleiden. Damit man im besten Fall keinen Herzinfarkt mehr erleidet, wird derzeit extrem viel im Bereich der nachhaltigen Cholesterinsenkung geforscht.
Das heißt konkret?
Die Forschungen beschäftigen sich intensiv mit PCSK9, einem körpereigenen Enzym, das steuert, wie viel des gefährlichen LDL-Cholesterins im Blut zirkuliert. Je mehr PCSK9 im Körper ist, umso weniger schlechtes Cholesterin wird abgebaut. Damit steigt das Risiko für eine Arterienverkalkung und Herzinfarkte. Durch moderne genetische Medikamente, die zweimal im Jahr in die Bauchwand gespritzt werden, schalten wir die Produktion dieses Enzyms direkt in der Leber stumm. So bleibt der Cholesterinspiegel langfristig tief und das Infarktrisiko sinkt drastisch.
Wie sieht das zeitlich aus?
In etwa zehn Jahren könnte die Forschung dank der Entwicklung der Genschere CRISPR-Cas9 so weit ausgereift sein, dass eine einzige Behandlung im Leben ausreicht. Dann können wir eine genetische Veranlagung dauerhaft korrigieren, statt sie ein Leben lang zu behandeln. Das ist mein Traum der zukünftigen Medizin.