Therapiert: Karl Walter und Klaus Englert, die die Parkinson Selbsthilfegruppe Karlsfeld-Dachau gründeten. © M. Schlaf
Karlsfeld – Den Löffel mit Obstsalat zum Mund führen, eine Tasse Tee einschenken oder Knöpfe am Hemd schließen – für Karl Walter war das, was für andere Menschen selbstverständlich ist, eine tägliche Herausforderung. Vor neun Jahren bekam der ehemalige Berufsoffizier die Diagnose Parkinson. Der Tremor wurde immer stärker. „Doch seit drei Jahren bin ich zitterfrei“, freut sich der Karlsfelder (83). Er hat sich 2023 mit der MRgFUS erfolgreich therapieren lassen.
2015 wurde bei Karl Walter von seinem Münchner Neurologen die Krankheit „tremorbetonter Parkinson“ diagnostiziert. „Das war für mich ein Schock, denn ich wusste, dass Parkinson nicht heilbar ist.“ Durch die Auseinandersetzung mit der Nervenkrankheit erkannte er: „Einerseits kann der Krankheitsverlauf mit hoher Selbsteinbringung und vielseitigen Therapien verlangsamt werden. Andererseits aber bleibt den meisten Patienten diese Erkenntnis mangels Aufklärung verborgen.“ Um dem entgegenzutreten, gründete Walter 2018 mit seinem ebenfalls an Parkinson erkrankten Bekannten Klaus Englert die Parkinson-Selbsthilfegruppe Karlsfeld-Dachau (SHG). „Mit Unterstützung von Neurologie-Experten erfuhren wir schließlich auch von der magnetresonanzgesteuerten Ultraschalltherapie MRgFUS.“
Die Karlsfelder organisierten Expertenrunden, Bewegungsangebote und den Anti-Tremor-Tag in der SHG. Doch mit den Jahren sei Karl Walter in ein Stadium gekommen, „in dem ich mich geschämt habe, öffentlich etwas zu essen, weil alles daneben ging“. Trinken habe nur noch mit einem Strohhalm geklappt. „Nicht mal mehr Strümpfe konnte ich alleine anziehen.“ Seinem Freund Klaus Englert ging es nicht viel besser. Deshalb stand fest: „Die MRgFUS ist für uns wie auf den Leib geschneidert.“
Das Problem: „Es gab und gibt nach wie vor kaum Kliniken hierzulande, die diese Therapie anbieten.“ Untersucht wurden beide schließlich an der Uniklinik Kiel. „Die Ärzte haben danach entschieden, dass die Therapie anstelle der tiefen Hirnstimulation bei uns angewendet werden kann.“
Ende März 2023 unterzog sich Walter der Behandlung, Klaus Englert (63) folgte im Mai. „Ich war so überzeugt von der Kompetenz der Ärzte, dass ich keine Angst hatte“, sagt Walter. „Erst wurde ich kahl geschoren, damit sich zwischen den Ultraschallquellen und der Schädeloberfläche keine Luftbläschen bilden. Dann bekam ich den Ultraschall-Helm aufgesetzt.“ Anschließend sei er auf einer Liege mit dem Helm voraus in die MRT-Röhre gefahren. „Man bekommt zwar eine lokale Betäubung, bleibt aber wach.“ Der Arzt steuert die Ultraschallwellen so, dass sie sich punktgenau im Zielgebiet bündeln. „Für die Behandlung war ich sechsmal in der Röhre“, erinnert sich Walter. Zweieinhalb Stunden später wurde er auf einen Stuhl platziert und blickte staunend auf seine Hand. „Ich habe nicht mehr gezittert. Das war wie ein Wunder für mich!“
Die Kosten für seine Therapie: etwa 20.000 Euro. „Das ist ungefähr die Hälfte der Kosten einer tiefen Hirnstimulation. Meine Versicherung lehnte den ersten Antrag auf Vergütung ab, musste aber, nachdem ich auf die europäischen Leitlinien verweisen konnte, die Kosten übernehmen“, sagt Walter und betont: „Es empfiehlt sich auch heute noch, den Eingriff im Voraus mit der Krankenkasse abzuklären.“
Bis heute sei der Tremor nicht zurückgekehrt. „Ich habe mit schwacher Medikation wieder die Kontrolle über meinen Alltag.“ Um die Therapie auch anderen Betroffenen näherzubringen, hält er Vorträge und erstellte einen Businessplan über den Nutzen von MRgFUS-Zentren, den er im Gesundheitsausschuss des Bayerischen Landtags vorstellte. „Allein in Bayern leben 45.000 Menschen mit Parkinson und etwa 118.000 mit essenziellem Tremor. Über 25 Prozent werden zum Pflegefall. Im Großraum München kostet ein Pflegeplatz aber monatlich 6000 Euro.“
Walters Rechnung lautet: „Da ich nicht zum Pflegefall geworden bin, wurden allein bei mir in den vergangenen drei Jahren 200.000 Euro Pflegekosten eingespart.“ Eine Spezialklinik könne also nicht nur Lebensqualität zurückbringen, sondern auch Kosten senken. „In Japan gibt es bereits 18 MRgFUS-Zentren, in Spanien 14.“ Diese Anzahl wünscht er sich auch hier. „Jeder, der an starkem Zittern leidet, sollte auch bei uns die Chance auf ein besseres Leben bekommen.“M. WILLIAMS