Ultraschall-Therapie gegen Zittern

von Redaktion

In die Röhre: Mit dem Helm kommt der Patient ins Innere eines MRT-Scanners. © imago stock, JULIA_DAGOSITS

Millimeterarbeit ohne Schnitte: Bei der Behandlung trägt der Patient einen halbkugelförmigen Helm. Darin werden Ultraschallwellen auf den Zielbereich im Gehirn gerichtet. © Insightec

München/Düsseldorf – Bei schwerem Tremor oder Krankheiten wie Parkinson arbeiten bestimmte Nervenzellen im Gehirn nicht mehr richtig. Sie senden Fehlsignale aus, die die normale Muskelsteuerung stören – was zu Zittern oder Steifheit führt. Um das zu korrigieren, hat sich bislang die Tiefe Hirnstimulation (THS) etabliert: Über kleine Bohrlöcher im Kopf werden Drähte in die tiefen Hirnregionen eingesetzt. Zudem wird ein Schrittmacher im Brustbereich platziert, der mit Kabeln unter der Haut mit den Elektroden im Kopf verbunden ist.

Die neue magnetresonanzgesteuerte Ultraschalltherapie (MRgFUS) soll jetzt ganz ohne Hautschnitte und Implantate auskommen, um das Zittern zu stoppen. Die Therapie erfolgt im Inneren eines Magnetresonanztomografen(MRT). Der Patient erhält einen Helm, in dem über 1000 Ultraschallquellen arbeiten: Sie bündeln ihre Energie auf einen winzigen Punkt im Gehirn. „Beim Tremor liegt dieses Zielgebiet meist im Thalamus, einer zentralen Schaltstelle für Bewegungsabläufe“, sagt Professor Dr. Lars Wojtecki von der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. „Durch eine gezielte Erwärmung können die krankhaft veränderten Nervenstrukturen, die das Zittern verursachen, dauerhaft verödet werden.“

Die Wirkung könne häufig bereits während der Behandlung beobachtet werden, berichtet der Experte der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM). „Oft sehen wir schon während der Testbeschallungen eine deutliche Verringerung des Zitterns.“ Gleichzeitig lasse sich überprüfen, ob Nebenwirkungen auftreten. „Die MRT ermöglicht es uns, Zielgenauigkeit und Temperatur während der Behandlung in Echtzeit zu kontrollieren. Dadurch können wir die Therapie Schritt für Schritt steuern und ihre Wirkung direkt überprüfen“, so Wojtecki.

Noch wird die MRgFUS-Therapie in Deutschland nur an wenigen neurologischen Zentren sowie Universitätskliniken angewendet. Die Sana Kliniken Duisburg bieten das Verfahren in enger Kooperation mit Prof. Lars Wojtecki an. Weitere Orte sind etwa das Universitätsklinikum Freiburg und das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.

Zum Einsatz kommt das Verfahren primär bei Menschen mit essenziellem Tremor, wenn Medikamente die Beschwerden nicht ausreichend lindern. Auch bei bestimmten Symptomen der Parkinson-Erkrankung kann es eingesetzt werden. Geeignet seien Patienten mit einem stark ausgeprägten Tremor einer Körperseite. „Die Betroffenen können danach wieder besser schreiben, essen, trinken oder feinmotorische Tätigkeiten ausführen“, freut sich Neurologe Wojtecki. Jedoch: Die Grunderkrankung selbst werde durch die Behandlung nicht geheilt. „Doch der große Vorteil von MRgFUS besteht darin, dass weder Elektroden noch ein Hirnschrittmacher implantiert werden müssen.“ Studien zeigen, dass die Tremorverbesserung durch MRgFUS häufig über viele Jahre anhält. Dennoch könne das Zittern im weiteren Verlauf wieder zunehmen.

Wie die DEGUM betont, ist die Behandlung auch nicht für alle Patienten geeignet. Vor einer MRgFUS-Therapie müssen die genaue Diagnose, die Ausprägung der Beschwerden, mögliche Begleiterkrankungen sowie individuelle anatomische Voraussetzungen auch umfassend geprüft werden. Auch wenn das Verfahren als schonend gilt, können Nebenwirkungen auftreten. Dazu zählen unter anderem vorübergehende Taubheitsgefühle, Kribbeln, Gangunsicherheit, Gleichgewichtsstörungen oder Koordinationsprobleme. Prof. Wojteckis stellt für die Behandlung deshalb klar: Eine sorgfältige Auswahl der Patienten ist entscheidend.“

Für die DEGUM zeigt die Entwicklung aber eindrucksvoll, wie sich die Ultraschallmedizin verändert. „Die Technologie eröffnet neue Möglichkeiten für präzise und schonende Therapien“, so Prof. Wojtecki. „Sie wird künftig voraussichtlich auch bei weiteren neurologischen Erkrankungen eine zunehmende Rolle spielen.“