Das Geheimnis der Tarnflieger

von Redaktion

Münchner Experte über das irre Leben der Schwebfliegen, die sogar die Alpen überqueren

Echte Honigbienen haben vier Flügel. © Dedert/dpa

Die Mistbiene legt ihre Eier in Schmutzwasser. © Ebener/dpa

Hornissen werden selten gefressen. © Hildenbrand/dpa

Eine Hornissenschwebfliege brummt im Flug. © Bunk/Imago

Die Hainschwebfliege gehört zu den bekanntesten Vertreterinnen ihrer Art, sie ahmt sehr erfolgreich Wespen (kl. Bild) nach. © Imago, Zschunke/dpa

München – Die Größten ihrer Art sind gerade mal 22 Millimeter klein, riesig sind Schwebfliegen jedoch als Verwandlungskünstler. Dass man sie für Bienen, Wespen und sogar Hornissen hält, ist keine Laune der Natur, sondern Absicht: „Die Fliegen wirken dadurch abschreckend und kommen besser durchs Leben“, erklärt Hans Greßirer, stellvertretender Vorsitzender vom Bund Naturschutz in München: „Sie werden seltener gefressen.“

„Es ist ein perfektes Mimikry“, sagt Greßirer bewundernd, den Schwebfliegen aus diesem Grund schon als Bub faszinierten. Außerdem sind sie elegante Flugkünstler: „Sie legen die Beine nach hinten an und können mit bis zu 300 Flügelschlägen in der Sekunde im Flug perfekt manövrieren.“ Kolibris gleich können sie in der Luft stehen, sind im Rückwärtsflug genauso wendig wie vorwärts!

Und ausdauernd dazu! Was nur wenig bekannt ist: Die federleichten Insekten gehören sogar zu den wandernden Arten. Die Hainschwebfliege etwa lässt sich jetzt im Herbst mit Luftströmungen von Mitteleuropa nach Süden und Südwesten in die Mittelmeerregion treiben. Insbesondere die jungen Weibchen wagen in riesigen Schwärmen die gefährliche Reise über die Alpen oder die Pyrenäen in den Süden – und werden dabei oft zur leichten Beute. Denn so wie die Bären in Alaska auf die wandernden Lachse warten, so lauern Vögel auf den Winterzug der Schwebfliegen: „Da können sich die Vögel vor dem Winter noch mal den Bauch vollschlagen“, meint Greßirer.

Ein geringerer Teil der begatteten Weibchen ist nicht so unternehmungslustig und bleibt da. Deshalb sind Schwebfliegen an warmen Wintertagen zu sehen. Im sonnigen Süden genießen die jungen Weibchen noch einige Wochen, paaren sich und legen bis zu 1000 Eier ab. Dann sterben sie, und erst die nächste Generation wird es zurück in den Norden ziehen.

391 Arten sind in Bayern heimisch. Die Hainschwebfliege gehört zu einer häufigen Vertreterin, die jeder schon einmal gesehen und vermutlich für eine Wespe gehalten hat. Keine Schande: Die Mistbiene wird sogar manchmal von Experten mit einer Honigbiene verwechselt, schmunzelt Greßirer. Denn nicht nur im Aussehen wird das Vorbild perfekt nachgeahmt, auch im Verhalten passen sich die Schwebfliegen an: Die Hornissen-Schwebfliege brummt sogar wie ihr Ebenbild. Die Mistbiene jedoch hat sich für ihre Larven eine ungewöhnliche Kinderstube ausgesucht, die ihr kaum jemand streitig macht: schmutziges Wasser und Jauchegruben. Die Larven leben von Mikroorganismen im Wasser. Andere Arten werden in Bruthöhlen von Wildbienen, Wespen oder Hummeln geschmuggelt. Dort ernähren sie sich von biologischem Abfall, fressen jedoch auch die Larven ihrer unfreiwilligen Gastgeber.

Erwachsene Schwebfliegen ernähren sich von flüssiger Nahrung wie Nektar, aber auch von Pollen. Deshalb gelten Schwebfliegen als wichtige Bestäuber. Nicht nur im Flachland, sondern sogar im Hochgebirge, dort wo kälteresistente Hummeln die Flügel strecken, steuern Schwebfliegen die Blüten an. So kommen etwa die Glänzende Keilfleckschwebfliege, die Gebirgs-Keilfleckschwebfliege oder auch die Waldschneisenschwebfliege noch in Höhenlagen von bis zu 2500 Meter vor und sind unverzichtbare Bestäuber der dort vorkommenden Hochgebirgspflanzen.

Aber auch im Garten oder auf dem Balkon machen sie sich nützlich: „Eine einzige Larve der Hainschwebfliege saugt am Tag bis zu 200 Blattläuse aus“, sagt Greßirer. Damit ist sie ein größerer Läusefeind als Florfliegen oder Marienkäfer. In Deutschland werden diese auch Winterschwebfliegenlarven genannten Insekten inzwischen zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt und können bei Spezialversandhändlern bestellt werden, weiß Greßirer.

Zwei Merkmale helfen, die Fliegen von richtigen Wespen, Bienen und Hornissen zu unterscheiden: Als Fliegen haben sie nur ein Flügelpaar, das zweite Paar hat sich zu winzigen Schwingkölbchen zurückgebildet. Wespen, Bienen und Hornissen haben vier Flügel. Ein gutes Unterscheidungsmerkmal, so Greßirer, seien die Augen: „Die Facettenaugen stehen sehr eng beieinander.“ Bei Männchen sind sie besonders groß: Man vermutet, dass sie gute Augen brauchen, um hübscheste Weibchen für die Paarung zu erspähen!SUSANNE STOCKMANN

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