Krebs-Risiko durch Übergewicht

von Redaktion

Einmal wiegen: Mit Ihrem Gewicht können Sie Ihren Body-Mass-Index (BMI) ausrechnen.

Vorsicht vor zu vielen Kilos: Die Tabelle zeigt, wie das Körpergewicht das Krebsrisiko beeinflusst.

Gefühlt halbiert: Hermann Meier nahm 58 Kilo ab. © privat

Schlank und fit: Adipositas-Patient Hermann Meier (2. v. li.) mit den Garmischer Spezialisten (von rechts) Dr. Susanne Bayerköhler, Prof. Martin Angele und Thomas Prantner. © Foto: Andreas Beez, Smarterpix

Garmisch-Partenkirchen – Hermann Meier ist 1,69 Meter groß. In Spitzenzeiten wog er 143 Kilogramm. „Über Jahre habe ich immer wieder versucht, mit Diäten abzunehmen. Doch am Ende schlug jedes Mal der Jo-Jo-Effekt zu. Nach einiger Zeit waren die mühsam abgenommenen Kilos wieder auf den Rippen. Und als ich das Rauchen aufgab, ging mein Gewicht endgültig durch die Decke“, erinnert sich der 57-Jährige heute.

Das starke Übergewicht trieb unter anderem seinen Blutdruck in die Höhe, die Zuckerwerte stiegen so stark an, dass er sich Insulin spritzen musste. Zu Hypertonie und Diabetes kam dann auch noch ein Bandscheibenvorfall am unteren Rücken. „Solche Erkrankungen sind ganz typische Folgen von Adipositas. Was aber viele Patienten nicht realisieren: Durch diese chronische Fettstoffwechselstörung steigt auch das Krebsrisiko massiv an“, erklärt Dr. Susanne Bayerköhler, die Leiterin des Adipositas-Zentrums im Klinikum Garmisch-Partenkirchen.

Wie groß die Gefahr einer Tumorerkrankung durch starkes Übergewicht ist, zeigen wissenschaftlich fundierte Datenauswertungen. Danach klettert etwa das Risiko für Speiseröhrenkrebs bei starker Adipositas um das Achtfache und für Gebärmutterhalskrebs sogar um das Zehnfache (siehe Tabelle). Nicht nur das Höchstgewicht gilt als bedenklich, die Bedrohung wächst praktisch mit dem Gewicht. Wenn sich der Body-Mass-Index (BMI; siehe Infokasten) um fünf Prozentpunkte erhöht, steigt das Risiko etwa für Leberkrebs jeweils um 40 Prozent oder für Magenkrebs um 25 Prozent.

Vor diesem Hintergrund kämpfen Ärzte darum, dass Adipositas gesellschafts- und gesundheitspolitisch neu bewertet wird. „Es handelt sich nicht um ein reines Lifestyle-Problem, sondern um eine ernste Erkrankung. Sie muss mit allen Facetten der modernen Medizin behandelt werden.“

Ihr Kollege Professor Martin Angele, Chirurgie-Chefarzt im Garmischer Klinikum, sieht auch eine große Chance für die Patienten. „Gegen Krebsrisikofaktoren wie eine erbliche Veranlagung oder einen Gendefekt kann man nichts tun. Aber wir haben es selbst in der Hand, Risikofaktoren wie Alkohol, Rauchen und auch Adipositas einzudämmen.“ Angeles Anliegen: „Die Krebsprävention zu stärken! Das ist schon allein deshalb entscheidend, weil die Fallzahlen aufgrund der Altersentwicklung unserer Gesellschaft steigen werden. Wir können aber dafür sorgen, dass zumindest ein Teil der Tumore gar nicht erst entsteht.“

Im Kampf gegen Adipositas können die Ärzte zwar heute immer effektiver helfen, aber den ersten Schritt muss der Patient selbst machen: „Man muss an dem Punkt sein, an dem man sagt: Jetzt ist Schluss, ich will jetzt mein Leben ändern. Es muss klick machen im Kopf“, berichtet Hermann Meier. Zugleich wusste der Mittenwalder, dass er Unterstützung braucht: „Ohne das Adipositas-Zentrum hätte ich es nicht geschafft.“ Darin kümmerte sich ein ganzes Team um den Patienten – darunter Ernährungsmediziner, Psychologen und Bewegungstherapeuten – und letztlich auch Chirurgen.

Meier ließ sich den Magen verkleinern. Zuvor hatte er es auch mit der Abnehmspritze versucht, diese aber nicht vertragen. Er bekam stärkste Magen-Darm-Beschwerden. „Die neuen Medikamente haben zwar die Behandlungsmöglichkeiten effektiv erweitert, aber es gibt immer wieder auch Patienten, die sie zwangsläufig absetzen müssen. Wenn man dies tut, nimmt man aber in der Regel wieder zu“, erläutert Adipositas-Expertin Bayerköhler das Dilemma.

Den minimalinvasiven Eingriff, der mit dem OP-Roboter Da Vinci durchgeführt wurde, verkraftete Meier sehr gut. Er konnte die Klinik bereits nach zwei Nächten verlassen. „Es handelt sich um eine Routine-OP mit einer äußerst geringen Komplikationsrate. Dazu kommt, dass der Patient nach der Therapie nur höchst selten ernste Nebenwirkungen hat“, sagt der erfahrene Bauchchirurg Angele.

Seit nunmehr 18 Monaten lebt Meier mit einem sogenannten Schlauchmagen, dessen Volumen nur noch ein Bruchteil seines früheren Magens misst. Dadurch ist er früher satt – ganz ohne eine lebenslange Therapie durch Medikamente, die wie die Abnehmspritze Sättigungshormone nachahmen. „Trotzdem achte ich weiter strikt auf meine Ernährung“, sagt Meier. „Ich esse wenig Fleisch, stattdessen viel Fisch und reichlich eiweißhaltige Lebensmittel, trinke nur noch selten zuckerhaltige Getränke.“ Nach wie vor nimmt er regelmäßig an den Treffen einer Selbsthilfegruppe teil, um sich mit anderen Adipositas-Patienten auszutauschen. Das hilft ihm dabei, sein aktuelles Gewicht von 85 Kilo stabil zu halten. „Es sind 58 weniger also früher. Man kann sagen, ich habe mich gefühlt halbiert.“

Halbes Gewicht, doppelte Energie – das kommt ihm auch in seinem Job zugute. Während er früher hauptsächlich Büroarbeit erledigte, kraxelt er heute als Gästebetreuer eines Garmischer Hotels die Werdenfelser Hausberge rauf und runter. Dass sein Krebsrisiko mit dem Körpergewicht geschrumpft ist, motiviert ihn zusätzlich.

Mit seinen Schilderungen möchte er stark übergewichtigen Menschen Mut machen, ihr Problem anzugehen. „Der Bedarf ist groß“, betont Krebsspezialist Angele. „Noch gilt Nikotin als vermeidbarer Tumorfaktor Nummer eins. Aber wir gehen davon aus, dass Adipositas das Rauchen als häufigster Auslöser für eine Krebserkrankung überholen wird.“

Artikel 4 von 6