„Auf meinem Grabstein wird wohl stehen: Hier liegt die Geliebte von Jules und Jim.“ Da hat Jeanne Moreau etwas übertrieben, aber die Rolle der konsequent unentschiedenen Frau zwischen zwei Männern in François Truffauts Filmklassiker ist 1962 natürlich ihr internationaler Durchbruch. Und er steht beispielhaft für das Besondere an Moreau, einer der großen Diven des französischen Kinos. Sie war anders, sperrig. Keine klassisch elegante Schönheit wie Catherine Deneuve und auch keine erotische Sirene wie Brigitte Bardot. Aber sie ist definitiv ein Augenmagnet, von dem man seinen Blick nicht mehr recht lösen kann, wenn man sie einmal erblickt hat. Die Aura von Leidenschaft, Intelligenz und purem Sex hatte Moreau in der Form exklusiv, und sie wusste das.
Die Tochter eines Franzosen und einer Britin findet früh zur Schauspielerei, schon als 18-Jährige studiert sie am Konservatorium in Paris, bald darauf bis 1952 an der renommierten Comédie Française – sehr zum Missfallen des konservativen Vaters, der Schauspielerei in direkter Nachbarschaft zum Rotlichtmilieu verortet. Moreau fällt sofort auf mit ihrer selbstbewussten Sinnlichkeit, ihrem klugen Spiel und dieser unglaublichen, rauchigen Stimme, die einem allein schon den Verstand rauben kann.
Sehr schnell gilt sie als größte Sensation des französischen Nachkriegstheaters, und ihre Rollenstudien im Film kann man sich in dieser Intensität ohne die Schule auf der Theaterbühne kaum vorstellen. Körperlich präsent zu sein, in jeder Sekunde, und genau zu wissen, was um einen herum passiert, auch wenn man vielleicht gerade nicht involviert ist, das ist Moreaus Stärke. Louis Malle macht sie 1958 mit dem Doppelschlag „Fahrstuhl zum Schafott“ und „Die Liebenden“ zur nationalen Film-Ikone. Schon damals, mit gerade 30, spielt Jeanne Moreau Frauen undefinierbaren Alters – ein genialer Schachzug, der ihr eine jahrzehntelange Karriere bescheren wird.
Gleichzeitig bilden diese Filme den Auftakt zu einem nicht enden wollenden Reigen wechselnder Beziehungen, die sie mit Filmschaffenden eingeht. Regisseur Louis Malle wird ihr Liebhaber, so muss man das wohl formulieren, denn Madame Moreau entscheidet, was sie mit wem macht. Sie entscheidet sich oft um. Sie verliebe sich halt sehr leicht, lässt sie einmal wissen. Aber: „Eine Frau, die nichts zu bedauern hat, ist bedauernswert.“
Die Moreau ist ein neuer, aufregender Typ Frau, ihrer Zeit weit voraus. Sie bestimmt die Regeln, nach denen sie leben will, aber gleichzeitig möchte sie die klassische Frauenrolle einnehmen. Geheimnisvoll zu sein, unergründlich, das gefällt ihr. Und natürlich gefällt es den Männern. Während die Bardot aus panischer Angst vor den sichtbaren Folgen des Alters aus dem Filmgeschäft flieht, stellt Moreau ihr Gesicht trotz Falten mit Würde und weiterhin großem Sex-Appeal aus. Die Strategie zahlt sich aus. Sie steht bis zuletzt vor der Kamera, nachdem sie in Hollywood mit Legenden wie Orson Welles und in Deutschland mit Rainer Werner Fassbinder und Wim Wenders gedreht hat.
Attraktivität habe nicht so viel mit dem Äußeren zu tun, sagte Jeanne Moreau, das sei wie bei Museen: „Die Fassade ist unwichtig, die Schätze liegen im Inneren.“ Welche Schätze in dieser Frau schlummern, erahnt man an den Fenstern, an ihren Augen, in die man regelrecht hineinstürzen kann. Nun ist die Moreau mit 89 in Paris gestorben – mit sich im Reinen vermutlich. Sie hat alles richtig gemacht, bis zum Schluss.