Zum 120. Geburtstag von Enid Blyton

Ein Spurensucher packt aus

von Redaktion

von Angelika Mayr

-Ab wann wird ein normaler Ort zum „Tatort“?

Stell dir vor: Leute kommen in ihre Wohnung und stellen fest, dass dort etwas während ihrer Abwesenheit passiert ist. Dann rufen sie die Polizei an. Sobald die feststellt, dass das stimmt und die Polizisten den Ort absperren – dann wird der Ort ein Tatort.

-Und dann beginnt deine Arbeit?

Danach rufen die uniformierten Kollegen den Kriminaldauerdienst und mich und meine Kollegen von der Spurensicherung an. Dann schnappe ich mir meinen Koffer und Fotoapparat – und nach etwa einer halben bis ganzen Stunde bin ich am Tatort. Die Kollegen vom Kriminaldauerdienst befragen die Leute vor Ort. Ich suche nach Spuren, wobei ich mir noch meinen Anzug anziehe …

-Warum?

Mit dem Spurensicherungsanzug hinterlasse ich selber keine Spuren. Denn meine Jeans könnte zum Beispiel kleine Fasern abgeben, wenn ich mich hinsetze. Oder ich könnte Haare oder Hautschuppen verlieren. Das alles wäre sehr schlecht, denn dann würden sich ja vielleicht meine Spuren mit denen des Einbrechers vermischen. Und das würde die Polizei-Arbeit erschweren.

-Wie gehst du am Tatort vor?

Zuerst schaue ich mir an, wo der Fremde rein- und wieder rausgegangen ist. Wenn die Eingangstüre aufgebrochen ist, fange ich hier an. Dann überlege ich mir: Ist etwas angefasst worden – kann ich also Fingerabdrücke sichern? Hat der Täter sich geschnitten und kann ich sein Blut finden? Hat der Einbrecher etwas verloren? Oder ich suche nach Schuhabdrücken im Garten …

-Wie nimmst du einen Schuhabdruck auf?

Dafür habe ich die „Schwarzfolie“ mit einem weichen Mittel wie „Gelatine“ . Ich lege sie auf den Schuhabdruck, drücke sie fest, ziehe sie danach wieder ab – und so habe ich das Schuhmuster fixiert! Dann schreibe ich noch den Fundort – zum Beispiel „Schuhspur vom Einstiegsfenster – und das Aktenzeichen daneben. Sonst kennen sich die Kollegen später im Fotolabor nicht aus, wenn sie meine Funde für mich fotografieren.

-Und wie findest du wirklich jedes Haar?

Ich habe sehr gute Augen, eine Lupe und eine Taschenlampe. (Lacht.) Meistens mache ich das große Deckenlicht aus und verfolge nur noch den Schein meiner Lampe von der Seite. So entdecke ich Fasern oder Finger- und Schuhspuren leichter. Außerdem haben wir einen Tatortstaubsauger, mit dem ich alles aufsaugen kann. Später können die Kollegen im Labor den Inhalt des Beutels genauer in Augenschein nehmen – und vielleicht finden sie ja so etwas, das den Täter verrät!

-Warum hast du einen Pinsel dabei? Malst du?

Nein, und ich habe sogar zwei Pinsel: Einer ist ein Magnetpinsel, mit dem ich Fingerabdrücke „wiederherzaubern“ kann. Anschließend streiche ich mit dem anderen Pinsel, er hat diese flauschigen Marabufedern, nochmals über die Abdrücke. So mache ich sie noch besser sichtbar – aber ich muss aufpassen, dass ich dabei nichts verwische.

-Was hast du noch in deinem Koffer?

Unzählige Tüten zum Wegpacken der gesicherten Spuren, Pinzetten zum Aufheben von Zigarettenkippen oder Lackstückchen sowie einen Schminkspiegel. Wenn ich zum Beispiel unter eine Couch schauen möchte, halte ich ihn so darunter, dass ich um die Ecke schauen kann.

-Wühlst du im Müll?

Nicht in jedem Fall. Aber wenn jemand sagt, dass da jemand etwas reingeschmissen hat oder der Müll durchwühlt worden ist, dann suche ich auch dort. Bei großen Tatorten machen wir das regelmäßig.

-Was sind große Tatorte?

Dort hat zum Beispiel jemand mit einer Waffe geschossen. Aber ich mache das jetzt seit 20 Jahren und kann dir sagen: Meine Kollegen und ich haben am Tag mehrere Einsätze – und es sind meistens kleine Tatorte wie bei Einbrüchen.

-Was hast du vor Ort schon erlebt?

Es gab Täter, die am Tatort eingeschlafen sind, weil sie zu betrunken waren. Oder manche haben sich unfreiwillig eingesperrt und kamen nicht mehr weg. Was auch oft passiert, ist, dass Täter ihr Geschäft dort verrichten. Warum, weiß ich aber nicht.

-Was hast du noch an einem Tatort gefunden?

Das Kurioseste war wohl ein Geldbeutel mit einem Ausweis. Der ist einem Einbrecher offenbar aus der Jackentasche gefallen. Das war Pech für ihn, weil wir so schnell seinen Namen und seine Adresse wussten. Aber es hätte natürlich eine falsche Spur sein können!

-Was passiert, wenn du etwas übersiehst?

Das ist nicht gut, aber es kann natürlich passieren. Aber wir arbeiten oft im Team. Wir suchen gemeinsam und nebeneinander nach Spuren, geben uns gegenseitig Tipps und wenn die Kollegen von den Zeugen etwas erfahren haben, schauen wir dort genauer hin.

-Bist du daheim genauso ordentlich und hinterlässt kaum Spuren?

(Lacht.) Eigentlich hätte ich jetzt mit „Ja“ geantwortet. Aber ich habe daheim noch mal nachgefragt: Meine Kinder haben mir gesagt, dass das leider nicht stimmt.

-Wieso arbeitest du dann bei der Spurensicherung? Hast du als Kind Detektivgeschichten gelesen?

Ich habe tatsächlich viele „Fünf Freunde“-Fälle von Enid Blyton gelesen. Ich erinnere mich noch an das Abenteuer mit dem Burgverlies – das war spannend. Aber zu meiner Arbeit bin ich zufällig gekommen. Eine Freundin hat mich neugierig gemacht …

-Bist du denn jetzt ein echter Kommissar und hast immer eine Pfeife dabei?

(Lacht.) Nein, ich rauche nicht. Aber ich bin tatsächlich ein echter Kommissar – sogar ein Kriminalhauptkommissar. Was ich aber immer dabeihabe, ist meine Pistole. Denn wenn ich zu einem Tatort gerufen werde, weiß ich nie, wohin ich genau komme und wer dort ist.

-Was sieht oder liest man in Büchern oder Filmen über deine Arbeit, was nicht stimmt?

Was schlimm ist, ist, wenn die Spurensicherung am Tatort im Spurensicherungsanzug arbeitet und die Ermittler einfach in Jeans durchmarschieren. So machen sie doch alle Spuren kaputt! Und noch etwas: Kollegen, mit denen wir zusammenarbeiten, sagen niemals: „Hey Spusi, komm mal, mach mal.“ Wir heißen nicht „Spusi“ und sind gleichwertige Partner und die Kollegen schätzen unsere Arbeit sehr. Denn viele Fälle kann man nur über die Spuren aufklären.

-Ist deine Arbeit eigentlich geheim?

Ich beschreibe meinen Kindern schon, was ich mache. Denn ich freue mich über jeden Einbruch, den ich aufgeklärt habe. Das ist immer ein gutes Gefühl. Ich bin der Meinung, dass Menschen, die bei anderen etwas kaputt gemacht haben, erwischt werden sollten.

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