ZUG ZERFETZT OBERLEITUNG

Ein Tag S-Bahn im Ausnahmezustand

von Redaktion

von dirk walter und martina williams

München – Wer gestern Vormittag am Hauptbahnhof nach seiner S-Bahn suchte, der war – unter anderem – auf folgende Meldung angewiesen. „Ri. West: S1 ab Moosach, S6, S7 ab Hbf, S2 ab Ostbhf o. Halt b. Obermenzing“, so hieß es auf dem Zugzielanzeiger in der Haupthalle. Und weiter: „S4 Ostbf, Ri. Ost: S2 ab Riem, S7 Giesing, S8 ab Johannesk., S4 Trudering.“

Fachchinesisch und Abkürzungs-Wirrwarr für Fahrgäste. Man hätte es auch kürzer zusammenfassen können: Nichts, oder fast nichts ging mehr am Hauptbahnhof. Zunächst hatte die Bahn mit Folgen den Unwetters in der Nacht zum Mittwoch zu kämpfen – wegen umgestürzter Bäume war die Strecke der S6 zwischen Starnberg und Tutzing gesperrt. Diese Reparatur dauerte bis 15 Uhr.

Doch zu diesem Zeitpunkt war bereits der gesamte S-Bahn-Verkehr schon längst auf Notbetrieb umgeschaltet: Ab 9.36 Uhr herrschte den ganzen Tag über Ausnahmezustand.

Der Anlass für die Großstörung lag zwischen den Stationen Ostbahnhof und Leuchtenbergring. Der Stromabnehmer einer S2, die stadtauswärts Richtung Erding fuhr, hatte kurz vor dem Leuchtenbergring mit einem lauten Knall die Oberleitung heruntergerissen. „Wir wissen noch nicht warum“, sagte eine Bahnsprecherin. Es habe aber „eher nichts mit dem Unwetter zu tun“. Die S-Bahn hielt auf freier Strecke an, während der gerissene Fahrdraht auf der Bahn Rauch und Funken schlug. 30 Mann der Berufsfeuerwehr München benötigten eine gute Stunde, ehe sie die geschätzt 250 Fahrgäste mit Leitern aus dem Zug befreit und zum Bahnhof Leuchtenbergring geleitet hatten. Da sie in einer Bahn ohne Klimaanlage ausharren mussten, wurden sie kurz untersucht. Aber alle blieben unverletzt.

Der Vorfall traf die S-Bahn an einer neuralgischen Stelle, denn durch den Kurzschluss der 15 000-Volt-Leitung war auch die Wendeanlage der S-Bahn ohne Strom. Wendeanlage heißt: Hier werden die Züge, die am Ostbahnhof enden, neu sortiert und zurück auf die Strecke geschickt. Das war gestern stundenlang nicht möglich, weshalb von der Störung auch Linien wie die S1 oder S7 betroffen waren, die gar nicht auf dem Streckenabschnitt zwischen Ostbahnhof und Leuchtenbergring fahren.

Die S2 wurde schließlich mit einer Diesellok abgeschleppt. Dann erst konnten Techniker mit dem gelben Turmtriebwagen anrücken und die Oberleitung flicken. Das zog sich stundenlang hin. Derweil wurde der S-Bahn-Verkehr so gut es geht am Laufen gehalten. Da den Überblick zu behalten, war nicht einfach. Mal fuhr die eine Linie durch den Stammstreckentunnel, mal die andere.

Erst gegen 18 Uhr sollte sich der Verkehr langsam normalisieren, versprach die DB. Doch auch der Heimtransport der Pendler im Berufsverkehr verlief beileibe nicht störungsfrei. „Nix geht mehr. Lokführer brüllen. Züge stehen. Null Informationen“, twitterte am Abend ein entnervter BR-Reporter.

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