München – Man hat schon laute Pfeifkonzerte in der Allianz Arena gehört, aber so ein lautes wie gestern Abend hat es lange nicht gegeben. Aushilfs-Kapitän Joshua Kimmich hatte seine Mannschaft zusammen gerufen, die beiden Debütanten Sebastian Rudy und Niklas Süle wollten sich zum Einstand gut mit den Fans in der Südkurve stellen – aber daran war nicht zu denken. Die zum Großteil aus Nachwuchsspielern bestehende C-Elf wurde nach dem 0:2 gegen den SSC Neapel im Spiel um Platz drei des Audi Cups verabschiedet, als habe sie gerade das Halbfinale der Champions League abgeschenkt.
Sie drehten schnell ab, schlichen in die Katakomben. Immerhin dort wurden den Jungs, die Namen wie Timothy Tilmann, Lukas Mai und Manuel Wintzheimer tragen, versichert, dass der Unmut der Anhänger sich nach den nächsten beiden verlorenen Testspielen eigentlich nicht gegen sie richtete. Vielmehr ging er an den gesamten FC Bayern, der im Moment – vier Tage vor dem Supercup und zweieinhalb Wochen vor dem Bundesliga-Start – auch über sich selbst beunruhigt ist.
„Das war heute nicht angebracht. Wenn man sieht, wer auf dem Platz stand, wie die sich geschlagen haben, dann war das falsch getimt“, sagte Mats Hummels. Der Weltmeister kam zwar wie beinahe die gesamte Stammelf am Tag nach dem desolaten Auftritt beim 0:3 gegen den FC Liverpool nicht zum Einsatz (lediglich Franck Ribery und Corentin Tolisso wurden eingewechselt). Das hielt ihn aber nicht davon ab, nach der Partie ein paar eindeutige Worte loszuwerden. Als „20 Stunden verspätet“ bezeichnete er das Pfeifkonzert, denn nach der Pleite gegen Liverpool – Hummels’ „schlechtestem Spiel, seitdem ich hier bin“ – wären sie gut platziert gewesen. Am Dienstag war die Mannschaft von Carlo Ancelotti dermaßen chancenlos, dass sogar der Trainer gestern sagte: „Natürlich sind wir nervös. Wir sind nicht in bester Verfassung.“ In Zahlen ausgedrückt: Fünf der letzten sechs Tests haben die Bayern verloren, mit 14 Gegentoren.
Mit dem Spiel gestern Abend und vor allem den Gegentreffern durch Kalidou Koulibaly (14. Minute) und Emanuele Giaccerini (55.) war Kapitän Kimmich zwar nicht zufrieden („eindeutig zu wenig“), der sportliche Wert war angesichts der Aufstellung aber gering. Die Stars, die nach der Asien-Reise und einer Vorbereitung, „die natürlich besser geht“ (Hummels), sowohl persönlich als auch im Kollektiv auf Formsuche sind, saßen ihren Frust auf der Bank ab. Und „der Stachel“, sagte Thomas Müller, „sitzt tief. Wir sind von Liverpool an der Nase herumgeführt worden.“ Nichts, aber auch gar nichts war bei der Niederlage gegen Jürgen Klopp gelungen. Es fehlt im Moment an allem: Selbstverständnis, Grundniveau, klarem Konzept, Balance und Passsicherheit. „Manchmal ist es gut, einen vor den Bug zu bekommen“, sagte Hummels. Er fügte aber hinzu: „Wir hatten nun zwei, drei.“
Die Niederlagen gegen Arsenal, Inter und den AC Mailand hatten in Asien schon gewurmt, erstmals aber wurde die Nervosität der Bayern beim Audi Cup greifbar. Sportdirektor Hasan Salihamidzic hatte sich seinen Einstand „natürlich anders vorgestellt“, und Karl-Heinz Rummenigge sagte: „Wir müssen jetzt schnell die Kurve kriegen.“ Er wies nicht ohne Grund darauf hin, dass die Zeit bis zum Saisonstart gegen Leverkusen „auch schnell vorbei“ sei.
Noch schneller kommt der Supercup am Samstag in Dortmund. Erste Gespräche zur Ursachenforschung hat es bereits gestern gegeben, „wir arbeiten das auf“, sagte Hummels. Die Pfiffe, versicherte Müller, machen zumindest ihm „keine schlechte Laune“. Ein Trauma aber haben nun die Nachwuchsspieler – obwohl sie die vollkommen falschen Adressaten waren.