Bleibt cool!

von Redaktion

Ancelotti bemüht seine Vergangenheit, um die Bayern-Gemüter vor dem Supercup zu beruhigen

von hanna raif

München – Dieser Mann muss ein Gedächtnis haben, das aus medizinischer Sicht ein interessantes Forschungsobjekt wäre. Denn es gibt sicher nicht viele, die in ihrem Kopf Details zu mehr als 1000 Fußball-Spielen speichern können. Carlo Ancelotti hat diese Gabe, das hat er schon zu Beginn des Jahres offenbart, als die Anzahl seiner als Trainer betreuten Pflichtspiele vierstellig wurde. Zum Jubiläum erzählte er Anekdoten über Anekdoten. Und am Freitag setzte der Bayern-Coach nun noch einen drauf. Auch an die Testkicks seiner zahlreichen Saisonvorbereitungen erinnert er sich noch genau, versicherte Ancelotti glaubhaft. In Zeiten, in denen beim FC Bayern die kollektive Nervosität um sich greift und die Wortschöpfung „Testspiel-Krise“ zum Alltags-Vokabular zählt, kann das natürlich nicht schaden.

Ancelotti hat sich in den Tagen vor dem an diesem Samstag in Dortmund anstehenden Supercup also mal zurückerinnert und aus den hintersten Ecken seines XXL-Gehirns zwei gute Beispiele herausgekramt. Im Vorfeld der Saison 2014/15 habe er mit Real Madrid nur verloren „und danach 22 Pflichtspiele hintereinander gewonnen“. Und noch viel besser: Nach einer genauso verkorksten Vorbereitung mit dem AC Mailand stemmte er ein dreiviertel Jahr später die Champions League-Trophäe in die Luft. Ancelotti plauderte am Freitag mit Bedacht und auch Genugtuung, das sah man ihm an. Die Botschaft, die durch die Gänge der vereinseigenen Geschäftsstelle und gerne auch nach außen dringen sollte: Bleibt cool!

Natürlich, rational betrachtet ist rein gar nichts passiert, wenn man fünf von sechs Testkicks verliert. Und trotzdem ist die Stimmung an der Säbener Straße vor dem ersten Pflichtspiel der Saison irgendwo zwischen ratlos (alle), besorgt (Vorstand), angefressen, müde bzw. noch nicht fit (Spieler) – und eben unbeeindruckt (Ancelotti). Spätestens seit dem 0:3 gegen den FC Liverpool im Audi Cup-Halbfinale am Dienstag ist jedem bewusst, dass die Form des Rekordmeisters noch nicht stimmt. Ein erster kleiner Titel würde die erhitzten Gemüter beruhigen. Eine Niederlage hingegen noch mehr Unruhe stiften.

Selbst Ancelotti sagte: „Wir wissen, dass wir noch nicht in bester physischer Verfassung sind.“ Er wies aber genau deshalb darauf hin, dass Fußball „nicht nur physisch“ sei: „Es geht auch um Taktik, Strategie, Persönlichkeit und Motivation. Ich habe das Vertrauen, dass meine Mannschaft diese Qualitäten in Dortmund zeigen wird. Ich habe 100 Prozent Vertrauen.“ Die Einstellung gegen Liverpool habe ihm nicht gefallen, genau wie jene beim 0:4 gegen Milan auf der Asienreise. Der Italiener spricht aber nur von „zwei schlechten Spielen“, in denen die „Balance“ gefehlt habe. Diese wieder herzustellen, sei sein „Rezept“.

Dass Dortmunds Vorbereitung ähnlich holprig verlief wie jene der Münchner – sechs Partien brachten zwei Siege –, macht das erste Kräftemessen der deutschen Branchenführer zu einem besonders spannenden. Ancelotti freut sich auf ein „interessantes, schwieriges und intensives Spiel“, der Druck, den er verspüre, sei „rein positiv“. Immerhin hat er die Möglichkeit, den im Vorjahr gewonnenen Titel zu verteidigen – sein Vorgänger Pep Guardiola war in drei Anläufen drei Mal gescheitert.

Allerdings musste Ancelotti sein Gedächtnis auch bemühen, um die Verletztenliste widerzugeben. Er schaffte es fehlerfrei – auch wenn sie immer länger wird.

Robben und Boateng brauchen noch – auch Alaba bleibt daheim

Juan Bernat, James und Manuel Neuer fehlen sowieso, Arjen Robben und Jerome Boateng sind – anders als geplant – noch nicht fit. Thiago und nun auch der eigentlich nur leicht angeschlagene David Alaba kurieren Blessuren vom Audi Cup aus. Der Trainer aber beruhigte: „Wir haben noch zwei Wochen.“

Wenn endlich dieser 18. August da ist und die Bundesliga beginnt, sollen alle (bis auf James und Bernat) wieder fit und diese elendige Vorbereitung vergessen sein. Nur Ancelotti selbst hat alles unwiderruflich abgespeichert. Womöglich guter Stoff für neue Anekdoten.

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