„War die Entscheidung klar falsch?“

von Redaktion

Beim Supercup-Finale feiert der Video-Assistent offizielle Deutschland-Premiere – Abseitstore wird es nie mehr geben

VON ANDREAS WERNER

München – Auf der Megaleinwand im Pressecenter der Allianz Arena wird Robert Lewandowski gerade an der Schulter gepackt. Der Bayern-Stürmer fällt, protestiert, aber einen Elfmeter kriegt er nicht. Felix Brych hält das Video an und fragt das Auditorium: „Muss der Video-Assistent da eingreifen?“ Im Publikum, es ist zum Test eingeladen, um die neue Technik zu besprechen, wird diskutiert. Manche sagen: Ja, da wäre ein Elfer berechtigt. Andere meinen: Hmm, muss man nicht geben. Klassischer Fall, sagt Brych: „In so einer Situation greift der Videoassistent nicht ein.“ Denn die entscheidende Frage lautet stets: „War die Entscheidung klar falsch?“

Das „klar“ kann man nicht mit genug Nachdruck betonen, sagt der frühere Unparteiische Hellmut Krug, der die Veranstaltung mit dem aktiven Schiedsrichter Brych moderiert. Beim Supercup Dortmund gegen Bayern am heutigen Samstag feiert der Video-Assistent offizielle Deutschland-Premiere. Eine Saison wird er getestet, alle Situationen hält eine Uni in Belgien fest. Später wird die FIFA beschließen, ob der Video-Assistent für immer installiert wird. „Es ist eine Experimentierphase“, sagt Krug. Brych ergänzt, es sei „eine Erleichterung für uns Schiedsrichter, es nimmt uns Druck, da wir eine zusätzliche Hilfe von außen bekommen“. Gleichzeitig sollten die Fans einiges wissen, denn wenn Theorie auf Praxis trifft, wird es oft heikel.

Das Wesen des Fußballs soll nicht beschnitten werden, Ziel ist, möglicht wenige Unterbrechungen zu haben. Es gibt vier Kategorien für Eingriffsmöglichkeiten des Video-Assistenten: Torerzielung, Elfmetersituation, Platzverweis und Spielerverwechslung. Wobei er stets nur eine Empfehlung äußert, die Entscheidung trägt weiterhin der Mann auf dem Platz.

Vier Monitore, vier Beobachter

Es wird folglich Spielraum geben, aber manche Dinge gehören ab sofort der Geschichte an. Abseitstore zum Beispiel gibt es nie mehr. Selbst wenn ein Spieler hauchdünn im Abseits steht, was die Unparteiischen früher schwer erkennen konnten, ist seine Position nun klar verifizierbar, es gibt nur noch schwarz/weiß. Abseits ist eine faktische Entscheidung und fällt damit in die Kategorie, in der der Video-Assistent zwingend korrigierend eingreift.

Doch es gibt weiter Szenen, in denen er schweigt, selbst, wenn es nicht ganz koscher zugegangen ist. Liegt bei ruhenden Bällen oder Einwürfen eine Regelwidrigkeit vor, unterlässt er eine Intervention. Zum Beispiel traf Leverkusen im letzten Jahr einmal nach einem Einwurf, bei dem der Spieler übertreten hatte. Das wird auch in Zukunft nicht zurückgepfiffen.

Die Fans müssen sich aber mitunter auf knifflige Situationen einstellen. In der vergangenen Saison schloss RB Leipzig einen Konter mit einem Treffer ab, der in dieser Spielzeit aber annulliert würde – obwohl das nicht gleich ersichtlich werden würde. Bei der Balleroberung am eigenen Strafraum wurde ein Foul übersehen. Der Spielzug lief, und weil er in einem Tor endete, würde nun der Video-Assistent einschreiten – das Foul lag aber bereits 20 Sekunden zurück. Würde der Angriff verpuffen, würde er das Foul verschweigen. Weil es nicht relevant gewesen ist.

Im eigens eingerichteten Center in Köln sieht ein Arbeitsplatz für jedes einzelne Spiel so aus: Vier Monitore können jede Szene aus 25 Perspektiven einspielen, neben dem Video-Assistenten sitzen zwei Techniker und ein Supervisor vor den Bildschirmen. Das Quartett kann sich gegenseitig rückversichern und nimmt bei Bedarf via Headset mit dem Unparteiischen im Stadion Kontakt auf. Da es technisch nicht in allen Arenen möglich ist, die Fans via Stadion-Leinwand am Prozedere teilzuhaben (die TV-Sender bekommen aber das Bildmaterial), ist es wichtig, auf die Gesten des Schiedsrichters zu achten.

Griff ans Ohr bedeutet Kontaktaufnahme mit Köln, unter Umständen sucht er sogar die Review-Area gegenüber der Trainer-Bänke auf Höhe der Mittellinie auf, um sich selbst zu versichern. Sollten Spieler diese Zone betreten, werden sie verwarnt. Der DFB bittet die Referees aber, die Review-Area nicht überzustrapazieren. „Man sollte dem Video-Assistenten vertrauen“, sagt Brych. Unparteiische wie Fans. „Es ist auch für die Anhänger zuhause immer eine Hilfe, wenn sie diskutieren: Fehlentscheid oder nicht?“, so Krug, „solange es nicht klar ist, geht’s weiter.“

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