Was wäre, wenn?

von Redaktion

Paulus Hochgatterers neuer Roman „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“

Von Johanna Popp

Was macht den wahren Horror des Krieges aus? Fliegerbomben, Hungersnöte, Gewalttaten? Dass ein Kind einen Lynchmord miterleben muss? Dass ein Onkel den Tod seines Neffen im Feld vor der Familie verheimlicht? Oder dass ein junger Künstler einer Zeichnung wegen vor ein Standgericht gestellt wird? Paulus Hochgatterer (Foto: Heribert Corn/ Deuticke) lässt den Weltkrieg in dessen letzten Monaten noch einmal mit voller Wucht über ein kleines Dorf in Österreich hereinbrechen. Dort versuchen die Menschen, trotz der nahenden alliierten Truppen den Alltag aufrechtzuerhalten. Für die einen bedeutet das, Nächstenliebe walten zu lassen, etwa, als ein Mädchen auftaucht, dessen Familie bei einem Luftangriff ausgelöscht wurde. Für die anderen bedeutet es, aus der angespannten Lage das Beste für sich selbst zu machen und die Not der anderen für den eigenen Vorteil auszunutzen. Und wieder andere sehen sich in der Pflicht, das zu schützen, was ihnen wichtiger ist als sie selbst – sei es die Familie, sei es ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert.

Hochgatterer beschreibt diese labile Situation mit reduzierter, prägnanter Sprache; er versteht es, das Grauen nahezubringen, ohne es weitschweifend ausführen zu müssen. Und er präsentiert Alternativen zum Unvermeidlichen: Wie hätten die Geschichten, die sich in diesen Wochen und Monaten im Dorf zutragen, ausgehen können, wäre nur jemand rechtzeitig zum Helden geworden? Diese Szenarien, vielmehr diese greifbaren Möglichkeiten, die so leicht und zugleich unmöglich umzusetzen sind, diese Lichtblicke also, die keine sein dürfen, weil ihnen jeweils etwas im Weg steht – ein Wehrmachtsoffizier, ein SS-Mann, ein reißender Fluss –, sie sind es, die wirklich wehtun.

Paulus Hochgatterer:

„Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“.

Deuticke Verlag, Wien, 112 Seiten; 18 Euro.

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