München – Ob diese Pose für den Gewinn der Champions League erdacht worden war? Da standen sie jedenfalls, mitten auf dem Rasen, jeder reglos wie eine antike Skulptur. Herakles, Achilles, Alexander der Große, Kimmich, Müller, Vidal, Ribery, Lewandowski, sogar der kleine Rafinha durfte sich ins Monument einfügen – so in etwa liest sich die Liste der Heldenfiguren im Münchner Kosmos. Die Kicker gaben am Samstag aus Jux ein stattliches Stillleben.
Die Idee ist nicht neu: Im Herbst machte die sogenannte „Mannequin-Challenge“ in den sozialen Netzwerken die Runde, bei der man sich eine Weile nicht rühren durfte, wie eine Schaufensterpuppe. Vielleicht schlummerte diese Idee, sich mit einem Pokal so feiern zu lassen, also bereits seit Monaten in den Köpfen. Dummerweise war erst der Supercup nun die erste Gelegenheit der Präsentation.
Es war sicher nicht im Sinn der Bayern-Combo, doch das von ihnen gelieferte Motiv taugte als Steilvorlage bestens, um die aktuelle Lage anschaulich zu machen. Nach dem Sieg im Supercup über Dortmund – mühsam und glücklich mittels Last-Minute-2:2 und Elfmeterschießen bewerkstelligt – musste man für Jubelarien schon ein Vorstandschef sein, der außer seinem Bayern nur wenig gelten lässt. Karl-Heinz Rummenigge fand: „Wir haben gezeigt, dass wir in keiner Krise sind.“ Der Rest hielt es eher mit Nuri Sahin vom BVB: „Die zweite Halbzeit ging komplett an uns.“ Die Münchner hätten sich über eine neuerliche Niederlage keinesfalls beschweren können. Es wäre die sechste im siebten Test gewesen, und man müsste lang in den Annalen kramen, um bei den erfolgsverwöhnten Bayern eine so verkorkste Vorbereitungsbilanz zu finden.
Eine Woche vor der ersten Pokalrunde in Chemnitz stehen Franck Ribery und Kollegen damit vor ihrer ganz persönlichen „Mannequin-Herausforderung“: Ist dieses Siegermotiv vom Samstag bloß eine Momentaufnahme, ein Zeugnis dafür, wie man in seiner eigenen Eitelkeit festfriert – oder erwachen sie nun endlich zu neuem Leben? In Dortmund gaben sie nur andeutungsweise Qualität zu erkennen: Nach dem 1:1 in der Phase bis zum Halbzeitpfiff und in dem Umstand, dass sie kurz vor dem Abpfiff noch irgendwie das 2:2 erzwangen.
„Das lag am Druck“, sagte Thomas Müller, „für uns war dieser Erfolg sehr wichtig, um die Niederlagen in der Vorbereitung abzustreifen. Es war eine Wohltat, zu gewinnen.“ Man hat schon forschere Töne in München vernommen, und vergessen darf man auch nicht, dass die Dortmunder ebenfalls keineswegs auf der Höhe sind; es dürften also noch ganz andere Kaliber auf die Bayern zukommen. „Wir werden uns jetzt Woche für Woche unserer Top-Form nähern“, versicherte Mats Hummels, der sich einen Seitenhieb wegen der zerhackten Vorbereitung erlaubte: „Jetzt haben wir mal zwei normale Trainingswochen, ohne viele nichtsportliche Termine.“
Weg von der PR-Hatz, rauf auf den Sportplatz – so lautet die Wunschformel der Spieler, während der neue Sportchef Hasan Salihamidzic bereits jetzt Fortschritte herausarbeitete: „Heute war wichtig, dass wir wieder wie der FC Bayern gespielt haben.“ Salihamidzic wird noch etwas brauchen, den Weg aus dem Tal der Floskeln zu finden. Er sagte aber auch: „Wir sind Bayern und können uns nicht viele Niederlagen leisten.“ Da hatte er schon mehr Recht als mit seiner ersten Aussage. Mit anderen Worten: Wenn die Münchner noch öfter so spielen wie am Samstagabend, dann sind ihre Mannequin-Motive mit Trophäen gezählt.