Wien – Der Körper wollte nur noch Ruhe, sich erholen von den Strapazen im Sand. „Ich bin todmüde“, sagte Laura Ludwig, als sie mit einem kühlen Bier in einem Stuhl saß. Ähnlich erging es ihrer Beachvolleyball-Partnerin Kira Walkenhorst. Aber eigentlich dachten die beiden nicht ernsthaft daran, einen geruhsamen Abend zu verbringen. Der Tisch in einem Heurigen-Lokal war schließlich längst bestellt, um das ausgiebig zu feiern, was den beiden am Samstag gelungen war.
Mit dem Gewinn der Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft auf der Wiener Donauinsel haben sie ihre Titelsammlung komplettiert, innerhalb von nur zwei Jahren. 2015 und 2016 wurden sie Europameister, 2016 Olympiasieger und nun sind sie auch noch Weltmeister, als erstes europäisches Frauen-Duo. „Unglaublich“, findet Walkenhorst. „Das wird noch ein paar Tage dauern, bis man das realisiert hat.“
So wie sich Laura Ludwig und Kira Walkenhorst am Samstagabend noch zu einer Titelparty aufschwangen, statt dem Verlangen ihres Körpers nachzukommen – das passte zum gesamten Auftritt bei dieser WM. Es war schon eine Willensleistung, in Wien starten zu können, nachdem zunächst Laura Ludwig an der Schulter operiert worden war und dann Kira Walkenhorst eine hartnäckige Infektion ereilt hatte, die in die rechte Schulter zog. Bei der WM steigerten sie sich bis zum Finale, um schließlich auch diesen Kraftakt zu bewältigen und 2:1 (19:21, 21:13, 15:9) gegen Lauren Fendrick und April Ross aus den USA zu gewinnen.
Erst zum zweiten Mal bei dieser WM verloren sie einen Satz, weil sie von Anfang an „nicht gut zugespielt, nicht gut aufgeschlagen“ haben, sagte Ludwig. „Es ist zum Glück eine Stärke, die wir uns erarbeitet haben, nie aufgeben, nie den Kopf hängen zu lassen“ – und die Fähigkeit, Fehler zu erkennen, abzustellen und das Spiel zu drehen. „Wir mussten hier viel, viel mit dem Kopf machen, weil wir wussten, dass wir nicht hundertprozentig fit sind“, sagte Walkenhorst. Auch deshalb sei „die Medaille komplett anders als die von Rio, auf jeden Fall überraschender“. Damals waren sie gut vorbereitet angereist, hatten im Turnier schließlich alle Medaillenkandidaten beinahe vom Sand gefegt.
Dieses Mal musste die Vorrunde als Vorbereitung herhalten, um in den Spielen ihren Rhythmus, die Abstimmung zu finden. Coach Jürgen Wagner bezeichnete die WM deshalb als „die schwierigsten zehn Tage, die ich als Trainer erlebt habe.“ Ähnlich sah es Ludwig. Als die deutsche Nationalhymne an der Donau erklang, seien ihr wieder die letzten Wochen in den Sinn gekommen, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Es war keine leichte Zeit.“ Immer wieder einmal habe sie die Goldmedaille von Rio herausgeholt „mir umgehängt und daran geglaubt, dass wir das in Wien auch können“.
So unterschiedlich die beiden außerhalb des Platzes sind, so gut ergänzen sich im Sand. Und auch im Erfolg scheint die extrovertierte Ludwig für die oft in sich gekehrte Walkenhorst ansteckend zu wirken. Nach dem verwandelten Matchball ließen sich beide von ihren Gefühlen übermannen. Laura Ludwig tanzte mit der deutschen Fahne im heißen Sand. Kira Walkenhorst fiel Trainer Jürgen Wagner um den Hals, die beiden lagen sich lange in den Armen. Anschließend liefen sie mit dem schweren WM-Pokal über den Court. Nach der Medaillenzeremonie spritzten sie sich mit dem vom Veranstalter spendierten Sekt gegenseitig nass und auch noch ins Publikum.
Die 10 000 Zuschauer hatten, anders als damals in Rio, mehrheitlich das deutsche Duo unterstützt. Man habe sich „wie Gladiatoren gefühlt“ bei dieser Geräuschkulisse, gibt Ludwig zu. Am Tag der großen Gefühle fiel es den beiden noch schwer, neue Ziele zu formulieren. „Erst einmal genießen“, sagt Ludwig. „Aber natürlich will man alles verteidigen, was man gewonnen hat.“ Als erstes den Titel bei der in knapp zwei Wochen beginnenden EM in Lettland. Sie sind nach dem Coup von Wien die Favoriten, aber „wir haben gelernt, dass man sich das immer wieder erarbeiten muss“, weiß Ludwig. „Das ist im Sport wie in der Liebe.“