München – Torhüter müssen ja coole Säue sein. Stehen allein da zwischen ihren Pfosten, im Rücken schimpfen die Ultras, um die Ohren bekommen sie scharfe Bälle, langen sie daneben, kann ihnen niemand mehr helfen. Ist Sven Ulreich eine coole Sau? Am Samstag lieferte die Nummer 2 des FC Bayern den Beweis.
Als Franck Ribery auf ihn zugerannt kam, die Zähne gefletscht und mit einem tierischen Tempo, blieb Ulreich gelassen stehen. Ribery hüpfte an ihm hoch und drückte ihm ein „Bisou“ ins Gesicht. Man(n) kann sich zwar schönere Kusspartner vorstellen, doch Sven Ulreich musste beim FC Bayern ja lange auf Liebesbezeugungen warten. Erst jetzt hat er sich unvermutet zum Rückhalt gemausert.
Die zwei gehaltenen Elfmeter im Supercupfinale gegen Dortmund, die Riberys Emotionen so entfacht hatten, waren dabei bloß die letzte Pointe einer irrwitzigen Entwicklung. Ulreich und der FC Bayern, das ist ein komisches Gespann. Zwei Jahre lang bibberten die Bosse, dass sich Manuel Neuer bloß nie verletzen möge, denn ihre Nummer 2 nutzte keine der naturgemäß rar gesäten Möglichkeiten, Verlässlichkeit zu demonstrieren, ganz im Gegenteil: Ulreich leistete sich verlässlich Patzer. Ausgerechnet in diesem Sommer, in dem die Kollegen von einer Verlegenheit in die nächste stürzten, rief der Schlussmann plötzlich Paraden ab, die ihm keiner mehr zugetraut hatte. Es passt ins Gesamtbild, dass der Treppenwitz Bayern/Ulreich damit konsequent seinem unüberbietbaren Finale entgegensteuert. Denn kaum ist auf die Nummer 2 Verlass, ist die Nummer 1 wieder fit. Neuer soll bis zum Ligastart am Freitag in einer Woche die Folgen seines Fußbruchs endgültig auskuriert haben, heißt es.
„Manu war schon auf dem Platz, hat trainiert, teilweise individuell“, erzählte Ulreich selbst nach seinem Auftritt in Dortmund, „ich denke, dass ich im DFB-Pokal in Chemnitz zwar noch spielen werde. Aber – Stand heute – wird dann Manu gegen Leverkusen wieder im Tor stehen.“ Es bleibt also sein Schicksal, das Los des Antizyklischen weiter zu ertragen. Bereits zum Ende der letzten Saison hatte er da das erste Kapitel geschrieben. Kurz nachdem sich Neuer gegen Real Madrid den Fuß gebrochen hatte, zog er sich eine Ellbogenverletzung zu. Er hatte endlich die Chance, mal etwas zu zeigen – stattdessen musste Oldie Tom Starke in den finalen drei Ligapartien ran. Der 36-Jährige hatte sich Monate zuvor schon auf seinen Ruhestand eingestellt.
Weil sogar der 17-jährige Christian Früchtl, ab sofort die Nummer 3, verletzt war, musste Starke auch noch zum PR-Trip nach Asien mit. In Fernost aber kehrte Ulreich erstmals zwischen die Pfosten zurück. Er hielt beim 0:2 gegen Inter Mailand und nach der Rückkehr nach München beim Sponsorenturnier beim 0:3 gegen den FC Liverpool – beide Ergebnisse klingen zunächst nicht nach einer soliden Torhüterleistung. Doch die Wahrheit ist, dass Ulreich klarere Pleiten verhinderte.
Vor einem Jahr in der Vorbereitung sah das noch anders aus. Auf der USA-Reise wechselte er sich in Abwesenheit des urlaubenden Neuers mit Starke ab, und machte jedes Mal keine gute Figur. Im Saisonverlauf schenkte ihm Carlo Ancelotti dann auch nur sieben Mal das Vertrauen, unter anderem stand er beim blamablen 2:3 in Rostow im Kasten. Zum Frühjahr trug er sich mit Wechselgedanken, doch nun erfüllt er seinen bis 2018 laufenden Vertrag doch. Und irgendwie finden sie das bei den Bayern sogar inzwischen: cool.