Landersdorf – Eugen Kirzinger sendet ein Stoßgebet gen Himmel, das bei heimischen Sommerurlaubern nicht auf Verständnis stoßen dürfte. „Ich hoffe auf Regen, anhaltend und viel“, sagt der Hopfenbauer aus dem niederbayerischen Landersdorf. Er steht auf einem Stahlgerüst mitten in der Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt und blickt auf seine Dolden. Klein sind sie und nicht sehr zahlreich, weil Winter und Frühjahr sehr trocken waren. Das mag der Hopfen als wichtigster Geschmacksträger von Bier nicht. Deshalb hoffen Kirzinger und die anderen gut 900 Hopfenpflanzer der Hallertau im für das Pflanzenwachstum entscheidenden Monat August darauf, dass es schüttet.
Mit ihnen tut das Stephan Barth. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Nürnberger Barth-Haas-Gruppe, ihres Zeichens weltgrößter Händler und Verarbeiter von Hopfen. „Eine Rekordernte wird es nicht“, ist auch ihm klar. Die gab es 2016 mit weltweit rund 112 000 Tonnen Hopfen, ein Plus von 28 Prozent. In der Hallertau war der Wettergott damals besonders gnädig. Knapp 43 000 Tonnen des Rohstoffs, der für Bier das ist, was die Traube für den Wein, wurden 2016 dort geerntet, gut die Hälfte mehr als im schlechten Erntejahr 2015. Mit 38 Prozent Weltmarktanteil ist Deutschland damit spitze vor dem härtesten Hopfenkonkurrenten USA. Der hat bei der Anbaufläche seit 2015 klar die Nase vorn und falls die deutsche Ernte diesmal floppt, die in den USA aber normal ausfällt, könnten US-Pflanzer Kirzinger und dessen Kollegen auch bei der Erntemenge ausstechen.
Der Verband der Deutschen Hopfenpflanzer erwartet immerhin eine um ein Viertel geringere Ernte. Die bei der Anbaufläche schon vollzogene Wachablösung am Welthopfenmarkt hat mit der US-Craftbierwelle einen handfesten Grund. Craftbiere sind meist von kleinen Brauereien handwerklich gefertigte Biere mit intensivem Aroma. Dazu braucht man hohe Dosen des Geschmacksträgers Hopfen. Den gibt es nicht nur in bitteren Varianten, sondern auch als Aromahopfen mit Namen wie Huell Melon oder Mandarina Bavaria. Daraus gebraute Biere schmecken dezent nach Honigmelone oder Zitrusfrucht – ohne künstliche Geschmacksstoffe. Das Reinheitsgebot für Bier wird eingehalten.
„Durch Craftbiere ist die Hopfenbranche komplett gedreht worden“, sagt Barth. Seit 2010 spürt er den Effekt. Bis heute hat die Nische im globalen Maßstab rund zwei bis drei Prozent Weltmarktanteil erobert, im Craftbier-Mutterland USA ein Zehntel. Das klingt nach wenig. „Craftbiere verbrauchen aber gut ein Fünftel der Welthopfenernte“, erklärt Heinrich Meier. Er ist Autor des jährlich erscheinenden Barth-Berichts, der als eine Art Bibel der Hopfenwelt gilt.
In Deutschland werden Craftbiere statistisch nicht erfasst. Barth schätzt ihren heimischen Marktanteil auf 0,2 Prozent. Auch hierzulande experimentieren immer mehr Jungbrauer mit neuen Aromahopfen und auch große heimische Braukonzerne bringen neue Craftbierlinien auf den Markt, was gut für das Image ist.
Beherrscht wird die Bierszene in Deutschland aber weiter von Preiskämpfen und Sonderangeboten von unter zehn Euro für einen Kasten Gerstensaft. Fast drei Viertel allen Bieres ist 2016 in Deutschland per Sonderangebote verramscht worden, haben Konsumforscher ermittelt. Der Anteil steigt jedes Jahr weiter. Einher geht das mit sinkendem Pro-Kopf-Konsum. 104 Liter waren es 2016 pro Bundesbürger, ein Drittel weniger verglichen mit den 90er-Jahren.
Barth versucht deshalb seit einiger Zeit, deutschen Brauern beim Craftbier auf die Sprünge zu helfen. In der firmeneigenen Versuchsbrauerei Sankt Johann will der Hopfendienstleister demonstrieren, welche Biergeschmäcker mit verschiedenen Hopfensorten zu erreichen sind, wenn man sich traut, vom Standard abzuweichen. Auch deutsche und internationale Braukonzerne lassen experimentieren. „Für jedes Projekt muss ich eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben“, sagt der Braumeister der Versuchsbrauerei, Andreas Gahr. Frisch abgefüllt hat er ein alkoholisches Getränk aus der Maniokpflanze, die in Afrika zum Brauen eines bierähnlichen Getränks verwendet wird. Es erinnert geschmacklich eher an Cidre.
Meistens würden bei ihm neue Hopfensorten für Bier getestet, sagt Gahr. Der Rohstoff ist wieder begehrt, seit Brauer speziell in den USA, Großbritannien und teils auch in Deutschland über den Einheitsgeschmack der im Fernsehen beworbenen Biere hinausdenken. 262 Hopfensorten stehen ihnen mittlerweile zur Verfügung, was mehr Geschmacksvielfalt ermöglicht als beim Wein, sagen Experten. Die Entwicklung des Hopfenpreises spiegelt die neue Wertigkeit wider. Um 30 bis 40 Prozent seien die bei allen erntebedingten Schwankungen in den letzten zehn Jahren gestiegen, sagt Barth. Nun hofft er wie Hopfenbauer Kirzinger, dass das Wetter bei der diesjährigen Ernte keinen Strich durch die Rechnung macht und es richtig nass wird.