Die Nachrichten aus Nordkorea klingen bedrohlich. Selbst die USA wirken angesichts der Raketentests von Machthaber Kim Jong-un bisweilen ratlos. Und Entspannung ist nicht in Sicht. Das kommunistische Regime will partout nicht einlenken, gestern rief selbst Südkoreas neuer Präsident Moon Jae-in dazu auf, maximalen Druck auszuüben. Dabei setzt er eigentlich auf Dialog und Frieden. Die Ideen, die er bei seinem Antrittsbesuch im Berliner Stadthaus vorstellte, machen ein wenig Hoffnung.
Moon forderte Nordkorea auf, sein Atomprogramm aufzugeben, und schlug vor, den Dialog zwischen Norden und Süden wiederaufzunehmen. Er versicherte Kim, dass er sich keinen Zusammenbruch des Nordens wünsche, und schloss eine Wiedervereinigung durch Absorption aus. Außerdem stellte er eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit in Aussicht. Auch die Zusammenführung getrennt lebender Familien will er organisieren.
Im Getöse des G20-Gipfels in Hamburg ist die Rede vom 6. Juli untergegangen, leider. Denn Moon vollzieht hier eine bemerkenswerte Wende in der Nordkorea-Politik. Unter seinen beiden Vorgängern war sie hart und kompromisslos. Der Neue knüpft nun an den Kurs des früheren Staatspräsidenten Kim Dae-jung an. Der skizzierte vor 17 Jahren seine auf Entspannung gerichtete Sonnenschein-Politik – ebenfalls im Berliner Stadthaus. Der Ort ist also nicht ohne Symbolik. Das wird innenpolitisch Wirkung zeigen.
Moon Jae-in meint es ernst. Seine Eltern flohen einst aus dem Norden. Als Menschenrechtsanwalt engagiert er sich seit Jahren für Abrüstung, Dialog und Frieden. Auch deshalb wurde er ins Amt gewählt.
Seine Ideen sind weniger Konzept als ambitionierte Vision. Die Denuklearisierung etwa ist allenfalls ein Fernziel. Denn Kim sieht die nukleare Option als seine Lebensversicherung. Selbst die staatliche Nachrichtenagentur KCNA wies kürzlich in erstaunlicher Selbsterkenntnis darauf hin, dass Saddam Hussein (Irak) und Muammar al-Gaddafi (Libyen) niedergingen, nachdem die nukleare Option aufgegeben wurde. Wenn die aktuelle Initiative jedoch dazu führen würde, dass das Atom-Programm des Nordens nicht weiter ausgebaut wird und Provokationen unterblieben, die den Weltfrieden gefährden, wäre schon viel gewonnen.
Die Versicherung, dass weder der Kollaps des Nordens noch eine Absorption angestrebt werden, ist auch im Sinne der südkoreanischen Gesellschaft. Würde Nordkorea zusammenbrechen, stünde zu befürchten, dass sich viele der 22 Millionen Einwohner auf den Weg nach Süden machen. Die 51 Millionen Südkoreaner stünden vor kaum schaffbaren Herausforderungen. Seit Langem sind Nordkoreas Massen einer Hirnwäsche ausgesetzt. Sie in ein demokratisches, rechtsstaatliches System zu integrieren, ist schon deshalb eine Herkulesaufgabe.
Moon betonte in seiner Rede die Einigkeit mit Chinas Präsident Xi Jinping und US-Präsident Trump, dass Südkorea in dem Konflikt das Steuer in der Hand habe. Auch dies kann man als Ziel verstehen. Derzeit läuft Südkorea Gefahr, dass die Weichen von Xi Jinping und Trump gestellt werden, die schon jetzt teils auf südkoreanischem Territorium Entscheidungen treffen. Hier muss sich Südkorea maßvoll emanzipieren.
Die friedliche Koexistenz der beiden koreanischen Staaten hat, das darf man nicht vergessen, einen hohen humanitären Preis, den die Bevölkerung im Norden bezahlt. Sie lebt in maximaler Unfreiheit und in Angst vor den Straflagern, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Dieses Joch wird durch Moons Initiative nicht beseitigt, aber in einzelnen Punkten etwas erleichtert. Man muss also abwägen: Entweder akzeptiert man den humanitären Missstand oder man riskiert eine nukleare Auseinandersetzung auf der koreanischen Halbinsel. So bitter das klingt: Ersteres ist das kleinere Übel.
„Nordkorea – Ein wenig Hoffnung“