Eine Minute Stille, absolute Stille. Das ist sein Morgenritual, schon seit fünf Jahren.
Pascal Rösler, 44, sitzt dann auf dem Bett und schaut auf seine Uhr. Sonst macht er nichts. Das gibt ihm Kraft für den Tag.
So hat er es auch heute in aller Früh gemacht, erzählt er am Telefon. Gut so. Denn gerade braucht dieser Pascal Rösler besonders viel Kraft. Der Münchner Unternehmer hat sich ein einigermaßen abgefahrenes Projekt in den Kopf gesetzt: Er paddelt gerade die Donau entlang, die gesamte Donau, das ist der Plan. 2500 Flusskilometer, von München, wo die Isar zur Donau führt, bis zum Schwarzen Meer. Über Wien, Budapest, Belgrad und Galati in Rumänien. Dauer: gut und gerne zwei Monate. Paddelschläge pro Tag: 12 000 und mehr. Ein ziemlicher Wahnsinn, ein beneidenswerter Wahnsinn, gerade für Menschen, die den bayerischen Sommer in unklimatisierten Büros verbringen dürfen.
Es ist kurz vor 9 Uhr, es ist Mitte dieser Woche, es ist Wien. Gleich geht es für Pascal Rösler wieder los, erzählt er am Telefon. Gleich wird er auch heute wieder auf sein Stand-up-Paddle-Board steigen, das ist eine Art Surfbrett, auf dem er jeden Tag sechs bis acht Stunden verbringt und mit schierer Muskelkraft das Paddel ins Wasser der Donau stößt. „Das geht ganz schön auf die Beine“, sagt er. Sein Brett hat er heute mit der U-Bahn vom Hotel, wo er übernachtet hat, zum Ufer gebracht. Da haben die Wiener geschaut, das haben selbst sie noch nicht gesehen.
Zuletzt hatte es auf dem Wasser 35 oder 36 Grad, Pascal Rösler ist trotzdem gepaddelt. Wenn man sich so was vornimmt, dann darf man sich von einem bisschen Sonne nicht aus dem Konzept bringen lassen. Nur einmal, da kam er kaum voran, der Gegenwind blies ins Gesicht, in 30 Minuten hat er gerade mal zweieinhalb Kilometer geschafft. Da hat er aufgegeben und einen Ruhetag eingelegt. Aber das war die einzige Verzögerung. Inzwischen, Stand Montagnachmittag, ist er kurz vor Budapest in Ungarn.
Man muss gar nicht immer bei ihm anrufen, um zu wissen, wo der bayerische Dauerpaddler gerade steckt, es geht viel einfacher: Auf der Internetseite sup-muenchen-schwarzesmeer.de kann man auf einer Karte genau sehen, wo er sich befindet. Außerdem steht dort, was er alles erlebt hat. Was er isst (heiße Schokolade und Apfelstrudel in Inzell, Grüner Veltliner und typische Heurigenkost in Niederösterreich). Und welche Bücher er gerne liest: die Selbstbetrachtungen von Marc Aurel oder Sachen von Thomas Bernhard. Das steht alles im Internet. Man kann Pascal Rösler auch aus der Ferne ziemlich nahe kommen. Das ist ein bisschen verrückt, denn er sagt: „Die Zeit auf dem Wasser ist ein sehr, sehr reinigendes Gefühl, weil man das ganze Laute, das Mediale, das auf uns einprasselt, hier nicht hat.“ Glücklich die, die einen großen Fluss, Zeit und ein Stand-up-Paddle haben.
Klar, Pascal Rösler macht das Ganze für sich, für die Seele. Aber irgendwie auch für die Donau. Auf seiner Paddel-Tour sammelt er Spenden für den Verein „Pure Water for Generations“. Ziele des Vereins: Renaturierung von Flüssen, Naturschutz, Wasserprojekte im Allgemeinen, solche Sachen. Knapp 6000 Euro hat er schon eingesammelt. Dass es den Flüssen gut geht, das ist ihm wichtig. Inzwischen kennt er schon die Schifffahrer auf der Donau und die Schifffahrer kennen ihn. Man winkt sich zu. Kurz vor Bratislava, das war an Tag 15, hat er sogar noch einen Donau-Paddler getroffen. Name: Michi. Gefährt: ein gelbes Kajak. Startpunkt: Ulm. Ziel: das Schwarze Meer. Da wollen sie alle hin.
Vielleicht ist das, was diese beiden Männer machen, nur der Anfang einen großen Trends. Früher, vielleicht heißt es mal so, sind wir alle den Jakobsweg nach Santiago de Compostela gewandert, bis die Füße dampften. Jetzt paddeln wir, die Sinnsucher dieser Welt, die Donau, diesen mächtigen Strom im Herzen Europas, entlang. „Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf“, sagt jedenfalls Pascal Rösler und man glaubt es ihm sofort. Er macht einen außerordentlich aufgeräumten Eindruck. Da weiß jemand, was er tut. Letztes Jahr ist er schon mal nach Wien gepaddelt, heuer hängt er einfach noch ein paar hunderttausend Paddelschläge dran.
Er hat übrigens kein Begleitauto oder so etwas dabei, aus dem ihm ab und an eine Schnitzelsemmel oder wenigstens eine Holunderschorle gereicht wird. Rösler hat, so erzählt er es, „einen wasserdichten 60-Liter-Rucksack, einen kleinen Rucksack für den Rücken, mein Brett und mein Paddel – mehr braucht man nicht.“ Das ist jetzt natürlich sehr romantisch. Aber es geht noch romantischer: Er hat auch seine Lederhose im Gepäck und ein Trachtenhemd. Ob er beides anzieht, wenn er im September vom Donaudelta ins Schwarze Meer gleitet, ist noch unbekannt. Schön wär’s aber schon.