Tage und Nächte im Boot

von Redaktion

Stromabwärts, immer stromabwärts: Buchheims Erstling über eine Donaufahrt

„Aber einsam bin ich nicht. Es gibt so viele geheime Zwiesprache, und genau genommen sind wir ja drei in meinem Boot. Da fährt ein Träumer mit mir, ein dahintreibender Desperado, ein Guckindieluft und Tagausbeuter.“

Einmal die Donau runterfahren, möglichst die ganzen 2811 Kilometer vom Quellfluss Breg im Schwäbischen bis zum Schwarzen Meer – wer googelt, sieht, dass diese Reise an Faszination nichts eingebüßt hat. Jedes Jahr erfüllen sich Kanuten und Paddler diesen Lebenstraum. Ihre Videos sind auf Youtube zu sehen. Der Urahn dieser Reise ist vielleicht aber der 2007 verstorbene Großschriftsteller Lothar-Günther Buchheim, der die Strecke 1938 mit dem Klepper-Faltboot bewältigte.

Dem großen grantigen Feldafinger ist ewiger Nachruhm sicher durch sein Buch „Das Boot“, seine Kunstsammlung und sein Museum. Weniger bekannt ist sein Erstling, ein Abenteuerbuch. „Tage und Nächte steigen aus dem Strom“ erschien, nicht unproblematisch, im Jahr 1941. Da war Oberleutnant Buchheim schon in propagandistischen Diensten des Nazi-Regimes, als sogenannter Kriegsberichter auf der U 96. 1943 erschien „Jäger im Weltmeer“, in manchem eine Vorarbeit zu seinem Bestseller „Das Boot“, der dann 1973 auf den Markt kam und 1981 verfilmt wurde.

„Tage und Nächte“ war nie ein Welterfolg, dabei ist es die Geburt des maritimen Großschriftstellers, es ist sozusagen Buchheim, Das Boot, Teil 1. Der harmlose Teil, ein Abenteuerbuch.

Buchheim absolvierte 1938, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, nicht die ganze Strecke, er ließ sich bei Ingolstadt auf das Abenteuer ein. „Vor mir liegt die Stromkarte: Wien-Giurgiu: 1437 Kilometer und Passau-Wien: 298 Kilometer, insgesamt also 1735 Kilometer (…) – Da wird es Schwielen an den Händen geben.“

Gewiss, es ist eine verschwiemelte, antiquierte Sprache – aus heutiger Sicht. Da kleckst die Sonne helle Kringel auf den Strom, da schmerzt ein lärmender Dampfer die hellhörige Stille der Nacht, da stieren braunhäutige Weiber in verwaschenen Fetzen mit saugenden Kindern vom Ufer aus auf das Boot. Wortakrobat Buchheim schreibt schmatzige Zeilen wie diese: „Betriebsam und zerpflückt liegt der Mondspiegel auf dem nachtschwarzen Wasser“. Oder: „Die Nacht steigt aus dem Strom. Die Dünste über dem Wasser gerinnen und schleiern über das Ufer herauf.“ Nacht, Schwärze, eine gewisse Unheimlichkeit durchzieht das Buch. Dabei verläuft Buchheims Reise im Ganzen gesehen harmlos und ohne besondere Vorkommnisse.

Der gebürtige Weimarer Buchheim, der sein Abitur in Chemnitz gemacht hatte, schlägt sich mit wenig Hab und Gut so durch. Im wasserdichten Beutel hat er eine Stromkarte der Donau sowie, aus einem Schulatlas rausgerissen, die Seite „Balkanstaaten“. Ein bisschen Geld, kaum Proviant. Was benötigt wird, organisiert sich der Abiturient. Reis mit Zwiebeln und Tomaten, das ist schon die Krönung. Wenn er Durst hat, verschmäht er auch den Milchtopf nicht, auf dem oben drauf eine dicke Schicht ersoffener Fliegen schwimmt. Einmal säuft er fast ab – auf der ungarischen Donau hängt er sein Klepper-Faltboot an einen Dampfer und lässt sich ein Stück mitziehen. Als der beidreht, drückt es ihn unter Wasser – „jetzt säufst du ab! durchzuckt es mich“. Aber es geht noch mal gut.

Nach Budapest, wo sich die Donau südwärts windet, beginnt für den jungen Abenteurer eine unbekannte Welt. Er bestaunt den Zufluss von Theiß und Save. Bei Belgrad packt Buchheim sein Boot zusammen und schifft sich auf dem Dampfer „Saturnus“ ein, der ihn durch den Kazanpass und das Eiserne Tor, eine gefährliche Engstelle, bis ins rumänische Giurgiu mitnimmt. Und von dort aus beginnt Buchheim eine Eisenbahnrundfahrt durch Rumänien.

Das letzte Drittel des Buches ist ein Reisebericht. Bukarest, Czernowitz, Siebenbürgen – es ist der Teil des Buches, der in Klischees über schwarzäugige Zigeunerweiber, Bauern-Katen und Popen erstarrt. Am Ende aber ist Buchheim zurück an der Donau – und stürzt sich in Constanza in die Flut: „Dunkle Kräfte drängen und schmeicheln, ich möchte mich sinken lassen“ – „Ich gehöre wieder dem Wasser an.“

dirk walter

Lothar-Günther Buchheim

Tage und Nächte steigen aus dem Strom. Eine Donaufahrt (Langen Müller), 10 Euro.

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