Bei hochsommerlichen Temperaturen fühlten sich meine Gäste aus Tansania natürlich fast wie zu Hause. Dennoch: Manches kam ihnen erst einmal spanisch vor. Beim Ausflug zur „Kugler Alm“ schlug ich ein schönes kühles Radler als willkommene Erfrischung vor. Fragende Blicke.
Die Erklärung ist einfach; eine zünftige Mass, halb Bier, halb Zitronenlimonade. Aber wie übersetzt man den Namen für den Durstlöscher? Schnell war für Gelächter am Tisch gesorgt. Wie wär’s mit: Jetzt trinken wir ein bicycle?
Jeder Münchner kennt sicher die Geschichte: Franz Xaver Kugler, in den 1920er-Jahren nicht nur ein echtes Original, sondern auch ein schlauer Geschäftsmann, ließ einen Radweg durch den Wald zu seiner Alm legen, für anno dazumal ein äußerst innovativer Gedanke. Vom Sackhüpfen bis zum Galopprennen wurde alles geboten, was durstig macht. Am ersten Samstag im Juni 1922 kamen so viele Ausflügler, dass dem Wirt das Bier auszugehen drohte. In seiner Not hat er den Gerstensaft mit Zitronenlimonade gemischt. Die Radlermass war geboren.
Eine echte Premiere war es allerdings nicht. Unter der Bezeichnung „Shanty“ wurde dieser Biermix schon im 19. Jahrhundert an britische Truppen ausgeschenkt. Und auch der berühmte „Russ“, Weißbier mit Limo, kann sich einer alten Historie rühmen. Angeblich wurde das Getränk im Münchner Mathäser-Weißbierkeller erfunden, wo sich zur Zeit der Revolution 1918 viele Anhänger der Münchner Raterepublik, also auch Russen, befanden. Egal, wo und wie unser Radler auch entstanden ist: Wir lieben es.
Seit 2010 ist aber natürlich „Hugo“ angesagt – der Sommerdrink schlechthin. Barkeeper Roland Gruber aus dem Südtiroler Vinschgau hat ihn kreiert und, nach eigener Aussage, den Namen „Hugo“ zufällig gewählt. Eine Erfolgsstory. Längst kreiert so jeder seinen „eigenen“ Hugo. Ich mag die alkoholfreie Variante: statt Prosecco Mineralwasser, Holundersirup, Zitronen und natürlich frische Minze, die wie Unkraut überall wächst – sogar auf dem Küchenfenster. Serviert in hohen Weißweingläsern! Jungen Gästen mache ich damit immer eine besondere Freude: Curacao Blue – ein paar blaue Tropfen in ein Glas Orangensaft, und ich serviere einen grünen Drink. Teenager lieben ihn.
Alles kein Hexenwerk, sondern gemacht mit links. Da fällt mir ein, dass diese Woche wieder Weltlinkshändertag ist. Erfunden hat ihn 1976 der Amerikaner Dean R. Campbell, um auf die Probleme von Linkshändern in einer Welt der Rechtshänder aufmerksam zu machen. Meine Mutter war übrigens Linkshänderin und kam prima damit zurecht. Wie schwer es ist, wenn man sich „umstellen“ muss, erfuhr ich im Februar, als ich mit einem Blick auf mein gebrochenes rechtes Handgelenk meinte: „Naja, dumm gelaufen, jetzt mach’ ich alles mit links.“
Welch ein Glück, dass als Linkshänder geborene Kinder heute nicht mehr auf rechts, die angeblich „gute Hand“, getrimmt werden. Seltsame Vorurteile und Mythen bezüglich Intelligenz und Begabungen halten wissenschaftlichen Studien längst nicht mehr stand. Picasso, Michelangelo, Einstein, Mozart und Beethoven, sie alle waren Linkshänder.
Letztere beiden wären vielleicht froh gewesen, hätte es schon jenen Flügel gegeben, den der Trierer Pianist Geza Loso 2010 als seine Erfindung proklamierte: Auf einer spiegelverkehrten Tastatur das Klavierspielen so erlernen, wie einem die Hand gewachsen ist. Die rechte Hand gibt nun mal nicht immer den Ton an. Wenn ich abends mit meinem Hugo auf der Terrasse sitze, aus dem weit geöffneten Fenster eines Nachbarhauses Musik erklingt, dann ist mein Sommerglück jedenfalls perfekt.
In diesem Sinn –
herzlich
Ihre Carolin