München – Vor zwei Jahren hat Erwin Huber, immerhin einer der größten Polit-Junkies, ein ungewöhnlich gutes Interview gegeben. Im „Spiegel“ sprach der CSU-Politiker über die Droge Politik. „Man hängt, überspitzt gesagt, an der Nadel.“ Injiziert werde „eine Mischung aus Macht und Publicity“. Man könne bald nicht mehr loslassen, „man braucht das Gefühl, am Puls der Zeit zu sein, wichtig zu sein“. Am Ende drehe sich alles um die eine Frage: „Werde ich von dieser Sucht einmal erlöst?“
Manche im Politbetrieb hat Hubers Selbstreflexion, dieser ungeschminkte Sucht-Vergleich, verstört. Heute muss man dazu aber konstatieren: Der Niederbayer, unlängst 71 geworden, kommt von der Nadel los. Der Landtagsabgeordnete, Ex-Minister und frühere Parteichef ist einer jener Landespolitiker, die 2018 definitiv nicht mehr kandidieren. Er hat das seit Langem angekündigt, nie Gegenteiliges verlautbart – und wird dennoch immer wieder darauf angesprochen, ob er es sich nicht anders überlegt. „Ich teste dann gründlich, ob es höflich oder ernst gemeint ist“, sagt Huber heute. „Meine Antwort ist aber glasklar: Nach 40 Jahren Parlament ist meine Lebensbilanz vorzeigbar und ich darf die zwei weiteren Enkel, die gerade unterwegs sind, nicht enttäuschen.“
Eine Ausnahme. Der Trend bei Hubers Landtagskollegen geht dazu, den angekündigten Abschied zu überdenken. Horst Seehofer hat den Rückzug vom Rückzug vorgemacht, er kandidiert 2018 jetzt doch wieder. Und versucht, weitere Parteifreunde zu überzeugen. Intensiv bearbeitete er die populäre Landtagspräsidentin Barbara Stamm (72), man murmelt, es sei ihm gelungen. Stamm kann in Unterfranken hunderttausende Stimmen sammeln. Noch in Arbeit, aber ebenfalls aussichtsreich, ist das Vorhaben, den niederbayerischen Agrarminister Helmut Brunner (62) doch vom Rückzug abzuhalten.
Es geht hier nicht um Nostalgie – sondern um nüchterne Mathematik im bayerischen Wahlsystem, wo Erst- und Zweitstimmen zusammengezählt werden und zum Beispiel die Stamm-Stimmen am Ende entscheiden könnten, ob die CSU ihre absolute Mehrheit behält.
Zum Weitermachen entschlossen hat sich („wenn ich gesund bleibe“) auch der in Oberbayern populäre frühere Minister Thomas Goppel (70). Er hat allerdings, was für Politiker ein beachtlicher Schritt ist, schon 2013 sein Direktmandat an einen Jüngeren abgegeben und den riskanten Weg einer Listenkandidatur gewählt. Ein Modell für andere? Der schwäbische Ex-Minister Alfred Sauter (67) denkt noch nach, heißt es in der Partei. Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (74) macht es genauso: Den Stimmkreis in Fürstenfeldbruck gibt er definitiv ab, erwägt aber eine Listenkandidatur. „Ich habe mich noch nicht entschieden, wollte eigentlich aufhören“, sagt er.
Der Münchner Otmar Bernhard (70), ehemals Umweltminister, hängt ebenfalls noch eine Landtags-Legislatur dran, sagt er unserer Zeitung, selbstverständlich vorbehaltlich der Zustimmung seiner Basis im Stimmkreis.
Auch jenseits der CSU wird intensiv über das Loslassen nachgedacht. In der SPD-Fraktion steht ein größerer Generationswechsel an, selbst der streitbare Innenpolitiker Peter Paul Gantzer will kurz vor seinem 80. Geburtstag das Parlament verlassen und sich künftig verstärkt den Hobbys widmen – zum Beispiel dem Fallschirmspringen. Sein Kollege Franz Schindler (61), ein Jurist von parteiübergreifend hohem Ansehen, überlegt noch. Der Oberpfälzer will sich im Spätherbst entscheiden.
Bei den Grünen gibt es noch Unklarheiten. Margarete Bause verlässt die Landesebene und bewirbt sich für den Bundestag, Ausgang ungewiss. Mancher sagt Sepp Dürr (63), wenn er seine Krebserkrankung besiegt hat, Interesse an der Verlängerung nach. Sicher steht ein großer Weggang an: Der Freisinger Christian Magerl (61) zieht sich 2018 aus dem Landtag zurück. „Man muss den Zeitpunkt, um aufzuhören, rechtzeitig festlegen“, erklärt er. Und hat ein Ziel: „Ich will noch das bisschen Natur genießen, für das ich so lange gekämpft habe.“