Grafing – Man kann nicht sagen, dass der Empfang kühl wäre. Beifall, die Stadtkapelle spielt den Spielmannsgruß, nur auf der Bühne stimmt etwas nicht: Ein großer Strauß blühender Sonnenblumen schmückt das Rednerpult, an das Alexander Dobrindt treten soll. Sonnenblumen, das Ursymbol der Grünen – ausgerechnet das als Willkommensgruß an Dobrindt, der sonst wie kein Zweiter in seiner CSU auf die Ökopartei schimpft, zetert und tobt. Der erklärter Lieblingsfeind der Grünen ist, sie fordern täglich abwechselnd seinen Rücktritt und seine Entlassung.
Sollte es ihn stören – der Bundesverkehrsminister zeigt es nicht. Er ist ja eh auf eine Art Auswärtsspiel eingestellt hier in Grafing. Der Ort hat mit 60-Prozent-Mehrheit eine grüne Bürgermeisterin gewählt, sie sitzt in der ersten Reihe und wird als Ehrengast begrüßt. Dobrindt, der Tiefschwarze, hat zudem im Dieselskandal und mit den Kartellvorwürfen an die Autoindustrie derzeit jede Menge Ärger am Bein, ist mal wieder einer der meistkritisierten Politiker des Landes. Man darf in dem Wahlkampfauftritt in der Halle der örtlichen Brauerei „Wildbräu“ eine Art Testlauf sehen, wie schwer der Klotz an seinen Beinen in den nächsten sechs Wochen wird.
300 Besucher sind da. Dobrindt weiß auch ohne Blick auf die Blumen, dass er diesmal mit angezogener Handbremse reden muss. Er spricht über Leitkultur, Werte, Heimat, freundlicher Beifall, solange er sich nicht zu tief in Nebensätze und Konjunktive begibt. Die Passagen zu Digitalisierung hingegen: mau. Geräuschpegel und das allgemeine Interesse am Kesselfleisch auf den Tellern steigen. „Wenn ich jetzt in Ihre Gesichter schaue: Die Begeisterung für dieses Thema haben Sie nicht so wie ich“, sagt Dobrindt, erntet immerhin Lacher.
Dafür räumt er das Thema, das man im fernen Berlin für das heißeste halten könnte, mit ein paar Sätzen beiseite. Dobrindt tadelt die Autoindustrie für Kartellabsprachen, schlagartig wird es ruhig in der Halle. Der Rest des Kapitels: Verteidigung der Dieselfahrer. „Die Diesel müssen besser werden, aber wir können sie nicht aus den Städten ausschließen“, ruft er, nicht „die Menschen enteignen“, die sich die letzten Jahre noch auf Anraten der Politik einen Diesel gekauft hatten. Auch gegen Österreichs Ansage, 2030 keine Verbrenner mehr neu zuzulassen, wettert er.
Sein Nein zu jeder Form von Fahrverboten gibt freundlichen Beifall in der Halle. So nahtlos, dass selbst manche Zuhörer verdutzt schauen, schwenkt er zum nächsten Thema, der „marodierenden Saubande“. Nicht die VW-Manager, sondern Gewalttäter beim Hamburger G20-Gipfel meint er.
Ein bisschen Maut noch („mein Lieblingsthema“), dann ein schnelles Prost vom Blumenpult aus – das war’s. Es ist nicht so, dass er die Halle rockt. 15 Sekunden Applaus, das reicht mit Mühe, um ihn zum Bühnenrand zu begleiten. Immerhin: Verloren hat er das Auswärtsspiel nicht. Die örtliche CSU reicht ihm noch ein Drei-Liter-Fass Bier für den Heimweg. Und die Sonnenblumen bleiben da. Christian Deutschländer